Warum neue Wohnungen immer schwieriger entstehen
Die Schweiz braucht dringend mehr Wohnraum – doch viele Projekte kommen nur langsam voran.
Immer mehr Vorschriften, komplizierte Verfahren und lange Einsprachewege bremsen laut Kritikern den Bau neuer Wohnungen.
Ein Turm aus Bauvorschriften
Die Zahl der Regeln im Schweizer Bauwesen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
Laut der Baudirektorenkonferenz der Kantone (BPUK) gab es 2014 rund 14’000 Seiten Baugesetze und Verordnungen.
Würden diese ausgedruckt übereinandergestapelt, ergäbe sich ein Papierstapel von rund:
- 1,4 Metern Höhe im Jahr 2014
- geschätzt über 4 Metern heute
Betroffen sind zahlreiche Bereiche:
- Energie
- Umwelt
- Lärmschutz
- Denkmalschutz
- Klimaschutz
- Raumplanung
- behindertengerechtes Bauen
Wenn Fledermäuse und Bäume Bauprojekte stoppen
Kritiker der heutigen Regeln nennen Beispiele, bei denen Schutzvorschriften Projekte verzögern können.
Dazu gehören:
- geschützte Fledermäuse in Dachstöcken
- geschützte Bäume und deren Wurzelbereiche
- zusätzliche Anforderungen bei energetischen Standards
- detaillierte Vorgaben bei Neubauten und Renovationen
Die Befürworter dieser Regeln argumentieren dagegen mit Umwelt- und Klimaschutz sowie einer höheren Bauqualität.
Baugesuche werden immer komplexer
Die Anforderungen an Bauherrschaften haben stark zugenommen.
Während früher ein einfaches Baugesuch für eine Renovation wenige Seiten umfassen konnte, können heutige Unterlagen laut Kritikern teilweise deutlich umfangreicher sein.
Mehr Aufwand entsteht durch:
- zusätzliche Gutachten
- Fachstellen-Abklärungen
- Energieanforderungen
- Umweltprüfungen
- technische Normen
Einsprachen verlängern viele Projekte
Neben den Vorschriften sorgt auch das Rekursrecht für Diskussionen.
In der Stadt Zürich lag die Rekursquote bei Neubauten 2022 laut Bericht bei rund 71 Prozent.
Eine Umfrage des Bundes unter Fachleuten und Gerichten zeigte zudem:
- 60 Prozent sehen Einsprachen als grosse Hürde für Wohnbauprojekte
Bauherren kritisieren, dass einzelne Rekurse Projekte jahrelang verzögern können.
Beispiele zeigen die Folgen
Ein viel diskutiertes Beispiel ist die geplante Überbauung Seebahnhöfe in Zürich.
Geplant sind:
- Ersatz einer alten Genossenschaftssiedlung
- rund 350 neue Wohnungen
- Wohnraum für etwa 1000 Menschen
Die Planung dauert jedoch bereits Jahrzehnte.
Der Bezug ist frühestens für 2030 vorgesehen.
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Wissenschaft sieht ein Systemproblem
Oliver Streiff, Professor für öffentliches Recht mit Schwerpunkt Raumplanungs- und Baurecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), beschreibt die Entwicklung als eine zunehmende Überlagerung verschiedener Rechtsbereiche.
Seine Einschätzung:
- immer mehr Vorschriften aus unterschiedlichen Bereichen
- komplexere Verfahren
- mehr mögliche Beschwerdegründe
Eine Vereinfachung des Systems sei notwendig.
Weniger Neubauten verschärfen Wohnungsknappheit
Parallel zur wachsenden Regulierung ist die Neubauproduktion zurückgegangen.
Schätzungen zufolge fehlen jährlich rund 8000 Wohnungen im Vergleich zu früheren Jahren.
Besonders betroffen:
- Städte
- Agglomerationen
- wirtschaftlich starke Regionen
Die Folge:
- steigende Mieten
- weniger verfügbare Wohnungen
- höhere Belastung für Haushalte
Bund will Verfahren beschleunigen
Wohnminister Guy Parmelin startete einen Aktionsplan gegen Wohnungsknappheit mit 35 Massnahmen.
Geplant sind unter anderem:
- schnellere Bewilligungsverfahren
- weniger unnötige Vorschriften
- Anpassungen beim Beschwerderecht
Kritiker bemängeln jedoch, dass viele Massnahmen unverbindlich bleiben.
Neue Ideen: Bauzonen mit weniger Regeln
Für Aufmerksamkeit sorgt der Ansatz der sogenannten «Weissen Zonen» im Kanton Zug.
Die Idee:
- weniger Detailvorschriften
- mehr Spielraum für neue Projekte
- Fokus auf Sicherheitsstandards
Damit sollen neue Lösungen getestet werden.
Auch die Baudirektorenkonferenz fordert, den Detailgrad vieler Vorschriften zu reduzieren.






