Rabatte kassieren, Medikamente abgeben – und daran mitverdienen?
Was nach einem Skandal klingt, ist in der Schweiz völlig legal. Ärzte verdienen mit dem aktuellen Rabattsystem der Pharmaindustrie mitunter sechsstellig – Jahr für Jahr.
Der Milliardenmarkt mit Generika – und wer daran verdient
In der Schweiz dürfen Ärztinnen und Ärzte Medikamente direkt an Patient:innen abgeben – und bekommen von Pharmaherstellern dafür Rabatte auf den Einkaufspreis.
Ein Teil dieser Rabatte soll den Krankenkassen zugutekommen, der andere darf von den Ärzten behalten werden – sofern sie ihn in „Qualitätsmassnahmen“ reinvestieren.
Seit 2020 erlaubt der Gesetzgeber, dass bis zu 49 % der Pharma-Rabatte bei den Ärzten bleiben dürfen.
So funktioniert das System rund um Proqura
Ein zentraler Player ist die Firma Pro Medicus, die über ihren Dienst Proqura als Vermittler zwischen Ärzteschaft und Pharmaindustrie auftritt.
Das Modell:
-
Pharmafirmen gewähren Rabatte auf Generika & Biosimilars
-
Ärzte melden jährlich ihre Verkaufszahlen
-
Proqura zieht die Rabatte bei den Herstellern ein
-
und verteilt das Geld weiter an Ärzte und Kassen
Laut Unternehmensangaben wurden so 50 Millionen Franken an Versicherungen zurückverteilt – zur „Dämpfung des Kostenwachstums“.
Was Ärzte einnehmen – und wo das Geld hingeht
Laut einem internen Bericht an das BAG (2025), der der NZZ vorliegt, sieht die Verteilung so aus:
-
55 % der Rabatte gehen an die Krankenkassen
-
45 % bleiben bei den Ärzten
-
Bisher: 40 Millionen Franken ausgeschüttet
-
Im Schnitt: 50’000 Franken pro Arzt
-
In Einzelfällen: über 100’000 Franken jährlich – nur durch Rabatte
Doch wie viel davon tatsächlich in Qualitätsmassnahmen fliesst, ist kaum kontrolliert. Die Ärzt:innen dokumentieren ihre Massnahmen selbst, Proqura überprüft sie nicht.
Kritik des Bundesamts für Gesundheit (BAG)
Das BAG bemängelt in seiner aktuellen Beurteilung:
-
viele eingereichte Massnahmen seien nicht zulässig, z. B. Pharmakovigilanz
-
fehlende Wirksamkeitsnachweise
-
mangelnde Dokumentation je Arztpraxis
Eine Arbeitsgruppe soll nun Vorschläge machen, wie die Qualität der Massnahmen besser geprüft werden kann.
🚨 Breaking News direkt aufs Smartphone
Verpasse keine Eilmeldung mehr – jetzt den imTicker WhatsApp-Kanal abonnieren:
👉 imTicker auf WhatsApp abonnieren
Profiteure & Schattenseiten
Während 25 Pharmafirmen bereits am System teilnehmen, mehren sich auch kritische Stimmen – aus der Industrie selbst:
„Es herrscht ein intransparentes System mit starkem Preiswettbewerb – aber ohne Anreiz zur offiziellen Preissenkung“, so ein Kadermitglied eines beteiligten Pharmaunternehmens.
Weitere Kritikpunkte:
-
mangelnde Transparenz (z. B. keine öffentliche Rabattliste)
-
versteckte Zusatzkosten für Pharmaunternehmen
-
Reputationsrisiken, falls Qualitätsmassnahmen reine Formsache bleiben
Besonders für Patienten mit hoher Franchise kann es teuer werden:
Denn ihnen wird der offizielle Preis verrechnet – obwohl Ärzt:innen das Medikament günstiger einkaufen.
Wer das System verteidigt – und warum
Die FMH (Verbindung der Schweizer Ärzt:innen) sieht keinen Änderungsbedarf. Präsidentin Yvonne Gilli erklärt:
„Die Rabatte sind kein persönlicher Gewinn, sondern dienen der Qualitätsverbesserung.“
Kickback-Zahlungen seien verboten und würden entsprechend sanktioniert.
Auch der Verband der Krankenkassen Prio Swiss verteidigt das Modell:
-
Das System biete Anreize zur Rabattverhandlung
-
Prämienzahler würden indirekt profitieren
Wohin sich das System entwickeln soll
Der „Runde Tisch Kostendämpfung“ will das Modell sogar ausbauen:
-
Ziel: Beteiligung aller Praxen, Spitäler und Apotheken
-
Geplante Einsparung: 60 Millionen Franken pro Jahr
-
Direkter Nutzen für Patienten: kaum – sie zahlen meist den vollen Preis
Ein System zwischen Markt und Medizinethik:
Ärzte verdienen mit – Patient:innen zahlen.










