Die Wall Street setzt weiterhin auf künstliche Intelligenz, doch hinter den Kulissen wächst die Sorge über die enormen Investitionen. Bei einem Treffen erfahrener Finanzprofis in Maine diskutierten Vermögensverwalter und Ökonomen über die Frage, ob die Milliarden-Ausgaben der Tech-Konzerne tatsächlich die erwarteten Renditen bringen werden. Eine eindeutige Antwort hat bislang niemand.
KI-Ausgaben sorgen für zunehmende Nervosität
Beim jährlichen «Camp Kotok» im US-Bundesstaat Maine standen nicht Aktienkurse oder Quartalszahlen im Mittelpunkt, sondern die langfristigen Folgen des KI-Booms. Zwischen Angelausflügen, Kanufahrten und Pokerrunden diskutierten Finanzprofis über die enormen Summen, die derzeit in Rechenzentren, Chips und künstliche Intelligenz fliessen.
Barry Norton, ein langjähriger Technologieinvestor, präsentierte dabei Entwicklungen in der KI und beim Chipdesign. Als die Frage aufkam, ob sich die Milliardeninvestitionen der US-Unternehmen überhaupt auszahlen werden, konnte auch er keine klare Antwort geben.
Gerade diese Unsicherheit beschäftigt die Finanzbranche zunehmend. Obwohl grosse Aktienindizes und Technologiewerte weiterhin vom KI-Boom profitieren, zeigen sich laut den Teilnehmern hinter den Kulissen erste Warnsignale.
Grosse Technologieunternehmen investieren gewaltige Summen in Infrastruktur. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an das Umsatzwachstum. Unternehmen wie OpenAI müssen mit dem Tempo der Investitionen Schritt halten, während Nvidia mit neuen Finanzierungsmodellen sogar eine zusätzliche Anlageklasse rund um KI-Investitionen vorantreibt.
Erinnerungen an frühere Blasen
Für die erfahrenen Teilnehmer des Treffens ist die Situation nicht völlig neu. Viele von ihnen haben bereits den Internetboom der Dotcom-Zeit und die Überinvestitionen in Glasfasernetze erlebt. Auch die Euphorie rund um hypothekenbesicherte Wertpapiere vor der globalen Finanzkrise ist ihnen noch präsent.
Deshalb stellt sich für die Finanzprofis eine grundsätzliche Frage: Handelt es sich bei den heutigen KI-Investitionen um den Beginn einer langfristigen technologischen Revolution – oder entstehen bereits Überkapazitäten, die später zu erheblichen Verlusten führen könnten?
Bei einer Pokerrunde wurde genau darüber diskutiert. Ein Teilnehmer sah deutliche Anzeichen für Überinvestitionen in Rechenzentren. Andere verwiesen darauf, dass auch frühere technologische Revolutionen zunächst von enormen Investitionen und Euphorie geprägt gewesen seien, bevor sich Gewinner und Verlierer herauskristallisierten.
Die Unsicherheit wird zusätzlich durch einzelne Probleme im KI-Finanzierungsmarkt verstärkt. Teilnehmer verwiesen unter anderem auf den jüngsten Einbruch bei KI-Aktien und die zunehmende Verschuldung rund um den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur.
Niemand will den KI-Boom verpassen
Trotz aller Bedenken sind die Finanzprofis nicht bereit, sich vollständig aus dem KI-Geschäft zurückzuziehen. Einige haben ihre Portfolios zwar angepasst und frühere Übergewichtungen bei grossen Technologieaktien reduziert.
Andere setzen stärker auf eine Diversifikation innerhalb des S&P 500. Eine echte Wette gegen künstliche Intelligenz wollen jedoch nur wenige eingehen.
Der Grund dafür ist auch psychologischer Natur. Wer zu früh auf das Ende eines Booms setzt, riskiert erhebliche Verluste, während die Kurse weiter steigen. Viele erfahrene Investoren erinnern sich an frühere Marktteilnehmer, die mit ihrer Warnung zwar irgendwann recht hatten, den Wendepunkt aber zu früh erwarteten.
Gleichzeitig nutzen die Finanzprofis KI zunehmend selbst. Einige lassen sich täglich Marktüberblicke erstellen, andere setzen sogenannte agentische KI-Tools ein, um Entscheidungen oder Arbeitsabläufe zu unterstützen.
Die Technologie wird damit nicht grundsätzlich infrage gestellt. Vielmehr geht es um die Frage, ob die wirtschaftlichen Erträge mit dem Tempo der Investitionen mithalten können.
KI wird zum Test für den US-Markt
Besonders aufmerksam beobachten die Teilnehmer deshalb die Entwicklung der Finanzierungskosten und des Anleihemarktes. Eine grosse Welle an KI-bezogenen Schulden muss von den Kapitalmärkten verarbeitet werden. Gleichzeitig trägt der Investitionsboom zunehmend zum Wirtschaftswachstum in den USA bei.
Damit wird die Frage nach dem Zeitpunkt der erwarteten Renditen immer wichtiger. Je länger die Gewinne aus den Investitionen auf sich warten lassen, desto grösser wird das Risiko, dass Anleger ihre Erwartungen korrigieren.
Für Adam Phillips von EP Wealth Advisors sind die Zweifel heute deutlich grösser als noch vor einem Jahr. Die Entwicklung habe sich seither stark verändert, während gleichzeitig die Bedeutung des KI-Investitionsbooms für die Gesamtwirtschaft zugenommen habe.
Peter Boockvar von OnePoint BFG Wealth Partners bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Dimension der Ausgaben sei aussergewöhnlich. Gleichzeitig sei weiterhin eine Art Börsenparty im Gang, bei der niemand zu früh aussteigen wolle.
Für Barry Norton bleibt deshalb eine zentrale Erkenntnis: Bei jeder technologischen Revolution springen Investoren auf den Zug auf. Wenn der Boom endet, stellt sich jedoch die Frage, wer am Ende auf den Kosten sitzen bleibt.
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