Es geht um eine Milliarde Franken pro Jahr – und um das Trinkgeld, das täglich über Schweizer Restauranttische wandert. Was früher Bargeld war, das still in der Hosentasche verschwand, ist heute eine digitale Transaktion mit Spur. Und genau das macht das Trinkgeld zum Politikum. Das Parlament will Trinkgeld komplett steuerfrei machen. Der Bundesrat lehnt ab. Professoren warnen. Und die Gastronomie steht mittendrin.
Das Wichtigste in Kürze
- In der Schweiz werden jährlich rund 1 Milliarde Franken Trinkgeld verteilt
- Heute: Trinkgeld steuerfrei bis 10% des Lohns – darüber wird es steuerpflichtiger Lohn
- Ständerat hat mit 42 zu 1 Stimmen für vollständige Steuerbefreiung gestimmt
- Nationalratskommission unterstützt die Befreiung ebenfalls
- Bundesrat lehnt ab – warnt vor Missbrauch und schlechterer AHV-Absicherung
- Professoren warnen: Auch Banker könnten Bonus als «Trinkgeld» deklarieren
- Auslöser: Kartenzahlung macht Trinkgeld sichtbar – und damit steuerrelevant
- Abstimmung im Nationalrat steht noch aus
Warum ist Trinkgeld plötzlich ein Politikum?
Jahrzehntelang hat niemand gefragt, wohin das Trinkgeld verschwindet. Die Kellnerin steckt ein paar Franken ein, der Friseur behält das Rückgeld. Niemand kontrollierte, niemand besteuerte. Das Problem: Bargeld wird seltener. Wer heute im Restaurant mit der Karte bezahlt, drückt auf «Trinkgeld» – und damit erscheint der Betrag in der Buchhaltung. Eine Milliarde Franken, die früher unsichtbar war, ist jetzt sichtbar. GastroSuisse-Präsident Beat Imhof fasst die Stimmung zusammen: «Auf das Thema Trinkgeld werde ich am häufigsten angesprochen. Es ist viel Angst da.»
Was gilt heute in der Schweiz?
Das Gesetz ist klar – und gleichzeitig unklar. Trinkgelder sind steuerfrei, sofern sie keinen wesentlichen Bestandteil des Lohns ausmachen. Was «wesentlich» bedeutet, definiert kein Gesetz. In der Praxis haben Behörden und Rechtsexperten die Grenze bei 10 Prozent des Einkommens angesetzt. Konkret: Ein Kellner mit 4’000 Franken Lohn darf bis zu 400 Franken Trinkgeld steuerfrei behalten. Liegt es regelmässig darüber, wird es zum Lohn – und ist steuer- und AHV-pflichtig.
Bundesrätin Baume-Schneider: Plan zur Verschärfung
Das Innendepartement unter SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider hatte eine Verschärfung geplant: Digitale Trinkgelder generell der Beitragspflicht unterstellen – im Namen der AHV-Finanzierung. Die Begründung: Jeder verdiente Franken soll in die Rentenberechnung einfliessen, besonders in Tieflohnbranchen. Das Parlament sah das ganz anders.
Ständerat: 42 zu 1 gegen Baume-Schneider
Im März 2026 war der Entscheid klar. Der Ständerat sprach sich mit 42 zu 1 Stimmen für die Motion von Mitte-Ständerat Beat Rieder aus. Rieder hatte beim Personal des Bundeshaus-Restaurants Galerie des Alpes nachgefragt: Lohn netto 4’000 Franken, dazu 100 bis 200 Franken Trinkgeld – «keine Exzesse, die eine Regulierung nötig machen». In der Debatte herrschte seltene Einigkeit: Trinkgeld sei eine Schenkung, keine planbare, vertraglich vereinbarte Leistung.
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Professoren warnen: Auch Banker wollen Trinkgeld
Thomas Geiser, emeritierter Professor für Arbeits- und Sozialversicherungsrecht an der Universität St. Gallen, bringt es auf den Punkt: «Zum Beispiel könnten plötzlich auch Zahnärzte sagen: Wir stellen nur noch eine niedrigere Rechnung, und der Kunde gibt uns ein Trinkgeld, das müssen wir nicht versteuern.» Und Banker? «Inklusive Banker mit ihren Boni», sagt Geiser. Wenn Trinkgeld generell steuerfrei ist, könnte jeder Arbeitgeber Lohnbestandteile als «Trinkgeld» umdeklarieren.
Was der Bundesrat dagegen sagt
Der Bundesrat lehnt eine generelle Steuerbefreiung ab. Seine Argumente: Missbrauchsgefahr – Arbeitgeber könnten Löhne durch steuerfreies Trinkgeld ersetzen. Schlechtere AHV-Absicherung – kein Trinkgeld auf dem Lohnausweis bedeutet weniger Rente. Abgrenzungsprobleme – wenn Gastronomie, warum nicht auch Coiffeure, Taxifahrer, Zahnärzte oder Banker?
Wie geht es weiter?
Die Abstimmung im Nationalrat steht noch aus. Nachdem der Ständerat 42:1 für die Befreiung gestimmt hat und die Nationalratskommission denselben Weg geht, dürfte die Motion auch im Nationalrat eine Mehrheit finden. Der Bundesrat wird anschliessend verpflichtet, das AHV-Gesetz und das Bundessteuergesetz anzupassen. Eine Milliarde Franken, ein paar Münzen auf dem Tisch – und eine Debatte, die die Schweiz tief berührt.
Wer steht wo in der Debatte?
| Akteur | Position | Argument |
|---|---|---|
| Ständerat | Steuerfrei (42:1) | Trinkgeld ist Schenkung, kein Lohn |
| Nationalratskommission | Steuerfrei | Kein Zwei-Klassen-System bar/digital |
| Bundesrat | Dagegen | Missbrauchs- und AHV-Risiko |
| Professoren | Warnung | Banker-Boni als Trinkgeld möglich |
| GastroSuisse | Steuerfrei | Fachkräftemangel, Rechtssicherheit |
| Servicepersonal | Steuerfrei | Mehr Nettolohn, weniger Bürokratie |
Fazit: Hinter der Trinkgelddebatte steckt eine tiefere Frage: Wem vertraut der Staat? Den Angestellten, die ein paar Franken Trinkgeld erhalten – oder den Arbeitgebern, die das System für Steueroptimierung nutzen könnten? Das Parlament hat Position bezogen. Eine Milliarde Franken, ein paar Münzen auf dem Tisch – und eine Debatte, die die Schweiz tief berührt.






