Finnlands Präsident Alexander Stubb hält einen russischen Angriff auf Nato-Gebiet bis 2029 für nicht belegt. Mehrere westliche Politiker und Militärs warnen dagegen vor einem möglichen Angriff innerhalb weniger Jahre. Stubb mahnt zwar zur Vorsicht, sieht aber keine Anzeichen dafür, dass Russland das westliche Verteidigungsbündnis angreifen wolle.
Stubb sieht keine Belege für Angriff bis 2029
Alexander Stubb widerspricht insbesondere Einschätzungen aus Deutschland, wonach Russland ab 2029 zu einem gross angelegten Angriff auf Nato-Gebiet fähig sein könnte. Gegenüber der «Bild»-Zeitung erklärte der finnische Präsident, es gebe für eine solche zeitliche Prognose weder ausreichende Fakten noch Belege.
Laut GMX verwies Stubb zugleich auf die militärische Abschreckung der Nato. Diese beruhe unter anderem auf konventionellen Streitkräften, Raketen und Atomwaffen. Aus seiner Sicht ergebe es für keine Macht Sinn, die Entschlossenheit des westlichen Bündnisses auf die Probe zu stellen.
Trotz seiner Einschätzung warnte Stubb davor, die russische Bedrohung zu unterschätzen. Europa müsse sich auf das Schlimmste vorbereiten, gerade um ein solches Szenario zu verhindern.
Westliche Staaten warnen vor möglichem Angriff
Mehrere westliche Politiker und Militärs haben in den vergangenen Monaten vor einem möglichen russischen Angriff auf Nato-Gebiet gewarnt. Generalinspekteur Carsten Breuer erklärte, Russland könnte ab 2029 über die Fähigkeiten für einen gross angelegten Angriff verfügen.
Auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatte vor einem möglichen Angriff innerhalb von fünf Jahren gewarnt. Der britische Premierminister Keir Starmer nannte unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse das Jahr 2030 als möglichen Zeitraum.
Dabei geht es bei diesen Einschätzungen vor allem um die militärische Fähigkeit Russlands. Sie stellen nicht automatisch eine Vorhersage dar, dass Moskau tatsächlich einen Angriff auf die Nato plant.
Stubb erwartet neue russische Mobilmachung
Eine andere Entwicklung hält Stubb dagegen für wahrscheinlicher. Der finnische Präsident rechnet im Herbst mit einer neuen russischen Mobilmachung.
Als Hinweis darauf nannte er unter anderem jüngste russische Gesetze, die die Bewegungsfreiheit einschränken könnten. Gleichzeitig verwies Stubb auf die hohen Verluste der russischen Armee im Krieg gegen die Ukraine.
Nach seinen Angaben verliert Russland monatlich zwischen 30’000 und 35’000 Soldaten, während gleichzeitig rund 27’000 neue Soldaten rekrutiert würden. Eine zusätzliche Mobilisierung für einen Angriff auf ein weiteres Land hält Stubb angesichts dieser Zahlen deshalb für äusserst unwahrscheinlich.
Wirtschaftlicher Druck dürfte Krieg nicht beenden
Auch die wirtschaftliche Situation Russlands bewertet Stubb nicht als entscheidenden Faktor für ein mögliches Ende des Krieges. Selbst wirtschaftlich schwierige Bedingungen würden Moskau seiner Ansicht nach nicht zwangsläufig dazu bringen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.
Rubel-Kurs, Inflation, Zinsen oder mögliche Probleme im Bankensektor seien deshalb für sich genommen kein ausreichender Grund, mit einem Ende des Krieges zu rechnen. Russland könne wirtschaftliche Belastungen nach Stubbs Einschätzung länger aushalten als ein Land, das sich nicht im Krieg befindet.
Parallel setzt die Ukraine Russland weiterhin mit Langstreckendrohnen unter Druck. Dabei wurden nach den vorliegenden Angaben unter anderem Ölanlagen und Logistikzentren angegriffen.
Finnland setzt auf Abschreckung und Dialog
Stubb hält trotz seiner Warnungen vor einer Unterschätzung Russlands auch einen russischen Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine für unwahrscheinlich. Er verwies dabei auf ein Gespräch mit Chinas Aussenminister, der ihm zufolge erklärt habe, China werde einen solchen Einsatz nicht zulassen.
Gleichzeitig fordert der finnische Präsident Europa dazu auf, den politischen Kontakt zu Moskau nicht vollständig abbrechen zu lassen. Europa müsse nach seiner Ansicht wieder mit der russischen Regierung sprechen, um die Entwicklungen und Absichten Moskaus besser einschätzen zu können.
Stubb warnt insbesondere davor, dass durch einen fehlenden Dialog auf russischer Seite falsche Vorstellungen über die Absichten Europas entstehen könnten. Gleichzeitig betont er, dass Europa keine neuen militärischen Bedrohungen gegen Russland plane.
Damit verbindet der finnische Präsident zwei Positionen: Europa müsse seine Verteidigungsfähigkeit stärken und auf mögliche Gefahren vorbereitet sein, gleichzeitig aber Gesprächskanäle zu Moskau offenhalten.






