Die Ermittlungen im Fall der angeschossenen Orca-Dame Toñi nehmen eine neue Dimension an. Nach Angaben des spanischen Umweltministeriums führen die bisherigen Spuren zu einem Boot unter spanischer Flagge. Die Umweltstaatsanwaltschaft und die Guardia Civil sind inzwischen eingeschaltet. Im Raum stehen neben hohen Geldstrafen auch strafrechtliche Konsequenzen.
Der Fall sorgt in Spanien und Portugal für Aufsehen: Die als Toñi bekannte Orca-Dame wurde im August mit Verletzungen an ihrer Rückenflosse entdeckt, die mit Schüssen aus einer Schrotflinte vereinbar sind.
Toñi ist nicht irgendein Tier. Sie gilt als ältestes bekanntes Mitglied der iberischen OrcaPopulation in der Strasse von Gibraltar und im Golf von Cádiz.
Ermittlungen führen zu spanischem Boot
Das spanische Ministerium für den ökologischen Wandel (MITECO) teilte am 2. September mit, dass die bisherigen Untersuchungen Hinweise auf eine mögliche Straftat gegen eine geschützte Tierart ergeben haben.
Nach aktuellem Ermittlungsstand soll ein Boot unter spanischer Flagge an dem Vorfall beteiligt gewesen sein. Die mutmasslichen Schüsse sollen dabei in portugiesischen Gewässern gefallen sein.
Der Fall wurde deshalb an die spanische Umweltstaatsanwaltschaft weitergeleitet. Gleichzeitig wurde die Umwelteinheit UCOMA der Guardia Civil in die weiteren Ermittlungen einbezogen.
Die Behörden wollen unter anderem die mutmasslich Verantwortlichen identifizieren und gegebenenfalls befragen. Zudem sollen die rechtlichen Verhältnisse rund um den Besitz und die Verwendung von Waffen untersucht werden.
Auch eine ballistische Untersuchung ist vorgesehen.
Noch keine Verantwortlichen öffentlich benannt
Obwohl sich die Ermittlungen inzwischen auf ein spanisch beflaggtes Boot konzentrieren, haben die Behörden bislang weder den Namen des Bootes noch dessen Eigentümer oder einen mutmasslichen Schützen öffentlich bekannt gegeben.
Damit gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Die Ermittler müssen nun insbesondere klären, wer sich zum fraglichen Zeitpunkt an Bord befand, welche Waffen vorhanden waren und ob sich die Verletzungen von Toñi einer bestimmten Waffe zuordnen lassen.
Bis zu zwei Millionen Euro Strafe möglich
Der Fall könnte für die Verantwortlichen erhebliche Konsequenzen haben.
Die iberische Orca-Population steht in Spanien unter besonderem Schutz. Bereits bei Bekanntwerden des Falls hatte das Umweltministerium darauf hingewiesen, dass vorsätzliche Handlungen gegen diese Tiere als schwere oder sehr schwere Verstösse verfolgt werden können.
Nach den einschlägigen spanischen Naturschutzbestimmungen können Geldstrafen bis zu zwei Millionen Euro erreichen.
Mittlerweile geht es jedoch nicht mehr ausschliesslich um eine mögliche Verwaltungsstrafe. Da das Ministerium Hinweise auf eine mögliche Straftat sieht, beschäftigt sich nun auch die Umweltstaatsanwaltschaft mit dem Fall.
Damit sind zusätzlich strafrechtliche Konsequenzen möglich.
Was ist mit Toñi passiert?
Die Verletzungen wurden Mitte August bekannt, nachdem Toñi in der Gegend der Strasse von Gibraltar beobachtet worden war.
An ihrer Rückenflosse waren mehrere auffällige Verletzungen zu erkennen. Das spanische Umweltministerium sprach von Spuren, die mit Schüssen aus einer Schrotflinte vereinbar seien.
Naturschützer hatten die Behörden über die Beobachtung informiert. Daraufhin leitete das Ministerium am 13. August erste Untersuchungen ein.
Toñi wird auf ein Alter von ungefähr 58 bis 60 Jahren geschätzt und gilt als Matriarchin ihrer Gruppe.
Warum wurde auf den Orca geschossen?
Diese Frage ist bislang ungeklärt.
Nach einem aktuellen Bericht des spanischen öffentlich-rechtlichen Senders RTVE werden mehrere mögliche Szenarien diskutiert.
Eine Möglichkeit ist, dass Toñi mit einem Boot interagierte und sich ein Besatzungsmitglied aus Angst vor Schäden am Ruder zur Verwendung einer Waffe entschied.
Eine andere Theorie betrifft einen möglichen Konflikt mit einem Fischerboot, etwa im Zusammenhang mit gefangenem Thunfisch.
Eine vorsätzliche Attacke ohne einen solchen unmittelbaren Anlass wird ebenfalls nicht ausgeschlossen.
Keine dieser Erklärungen ist bislang bewiesen. Genau dies sollen die laufenden Ermittlungen klären.
Orcas und Segelboote sorgen seit Jahren für Diskussionen
Seit mehreren Jahren kommt es vor der Iberischen Halbinsel immer wieder zu Interaktionen zwischen Orcas und Segelbooten.
Dabei berühren oder beschädigen die Tiere teilweise die Ruderanlagen der Boote. In einigen Fällen wurden Schiffe so schwer beschädigt, dass sie später sanken.
Warum einzelne Orcas dieses Verhalten zeigen, ist wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt.
Die zunehmenden Zwischenfälle haben allerdings zu einer emotional geführten Diskussion unter Bootsbesitzern und Seglern geführt.
Der aktuelle Fall zeigt gleichzeitig eine klare Grenze: Auch wenn sich Bootsbesatzungen durch Orcas bedroht fühlen oder Schäden befürchten, handelt es sich bei den iberischen Orcas um geschützte Tiere.
Toñi wurde inzwischen wieder gesichtet
Für Toñi selbst gibt es unterdessen positive Nachrichten.
Nach Angaben des spanischen Umweltministeriums wurde sie gemeinsam mit anderen Orcas inzwischen in galicischen Gewässern beobachtet.
Die verfügbaren Hinweise sprechen dafür, dass sich ihre Verletzungen günstig entwickeln.
Spanien und Portugal arbeiten zusammen
Da die mutmasslichen Schüsse nach aktuellem Ermittlungsstand in portugiesischen Gewässern abgegeben wurden, arbeiten die Behörden beider Länder bei der Aufklärung zusammen.
Das spanische Umweltministerium steht nach eigenen Angaben mit dem portugiesischen Institut für Natur- und Waldschutz in Kontakt.
Damit entwickelt sich der Fall zunehmend zu einem grenzüberschreitenden Ermittlungsverfahren.
Für die Besatzung des betroffenen spanischen Bootes dürfte nun insbesondere das Ergebnis der ballistischen Untersuchung entscheidend werden.
Sollte sich nachweisen lassen, dass tatsächlich von diesem Boot aus auf Toñi geschossen wurde, könnten die Konsequenzen erheblich sein.
Bis zum Abschluss der Ermittlungen gilt jedoch: Wer auf Toñi geschossen hat und aus welchem Grund, ist noch nicht abschliessend geklärt.






