Wellness, Ruhe und Rückzug – oder egozentrischer Rückzug von allem? Im Sommer verschwimmen die Grenzen zwischen Selfcare und Selbstinszenierung.
Sich etwas Gutes tun, zur Ruhe kommen, das Handy abschalten: Selfcare hat Konjunktur – gerade in den Sommermonaten. Doch wo endet gesunde Selbstfürsorge und wo beginnt ein egozentrischer Rückzug? Zwischen Achtsamkeit und Abgrenzung verläuft ein schmaler Grat. Während soziale Netzwerke voll sind mit Hashtags wie #selflove und #metime, kritisieren andere den Trend als Ausrede für Rücksichtslosigkeit. Wie viel Selfcare ist gesund – und wann kippt sie ins Gegenteil?
Hintergrund
Selfcare war ursprünglich ein Konzept aus der Gesundheitsvorsorge: Schlaf, Ernährung, Bewegung, mentale Hygiene. Heute ist daraus ein Lifestyle geworden – oft vermischt mit Wellness, Selbstdarstellung und Konsum. Besonders im Sommer – wenn Freizeit, Ferien und warme Temperaturen locken – ist die Versuchung gross, sich radikal von allem abzugrenzen. Digital Detox, stille Retreats oder der komplette Rückzug ins Private wirken verführerisch. Doch genau hier beginnt das Spannungsfeld: Was ist gesund – und was ist Flucht vor Verantwortung oder Beziehung?
Gerade in der Sommerzeit häufen sich Situationen, in denen Selfcare und Egoismus verwechselt werden:
Menschen sagen Urlaubspläne mit anderen ab, „weil sie sich schützen müssen“
Freundschaften werden als „nicht energetisch kompatibel“ abgebrochen
Work-Life-Balance wird zur Rechtfertigung für Projektverweigerung
Digitale Erreichbarkeit wird völlig gekappt – ohne Rücksicht auf andere
Influencer sprechen von „grenzenloser Selbstfürsorge“ – Psychologen hingegen warnen vor „sozialer Kälte im Selfcare-Gewand“. Die Frage lautet also: Wann wird aus berechtigter Abgrenzung ein egoistischer Rückzug?
Auswirkungen
Gesunde Selbstfürsorge bedeutet nicht, sich komplett von allem zu entkoppeln. Im Gegenteil:
Selfcare ist nachhaltig, wenn sie die Beziehung zu sich selbst UND zu anderen stärkt.
Grenzen setzen ist wichtig – aber Kommunikation darüber ebenso.
Empathie und Klarheit helfen, den Unterschied zwischen Rücksicht auf sich und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen zu erkennen.
Bewusste Pausen sind sinnvoll – aber nicht auf Kosten gemeinsamer Verantwortung.
Für Arbeitgeber, Familien, Freundeskreise gilt: Offene Gespräche über Bedürfnisse und Erwartungen vermeiden Missverständnisse.
In einer Leistungsgesellschaft mit wachsendem mentalem Druck ist Selfcare unverzichtbar geworden. Aber: Der Begriff wird zunehmend verwässert – und instrumentalisiert. „Ich bin mir selbst genug“ ist ein legitimer Satz – aber auch ein gefährlicher, wenn er als Schild gegen alle Beziehungen benutzt wird. Medien, Psychologinnen und Coaches diskutieren daher zunehmend die Balance zwischen Selbstfürsorge und Rücksichtnahme.
Selfcare ist kein Ego-Trip – solange sie auf Reflexion, Empathie und Balance basiert. Wer sich Zeit für sich nimmt, muss nicht erklären – aber er sollte verstehen, wie seine Entscheidungen auf andere wirken. Gerade im Sommer ist Achtsamkeit nicht nur eine Frage nach innen – sondern auch nach aussen.






