Nach der geplanten Übernahme der Commerzbank durch UniCredit könnte auf das Frankfurter Institut ein weitreichender Umbau zukommen. UniCredit-Chef Andrea Orcel setzt auf Kostensenkungen, weniger Hierarchieebenen und stärkeres Ertragswachstum. Bei UniCredit hat er diese Strategie bereits umgesetzt – nun dürfte sie auch die Commerzbank grundlegend verändern.
UniCredit hält inzwischen rund 48 Prozent an der Commerzbank und will seinen Einfluss auf das deutsche Institut weiter ausbauen. Die Annahmefrist des öffentlichen Übernahmeangebots endete im Juli. Die Commerzbank hält dagegen an ihrer eigenen Strategie «Momentum 2030» fest.
Orcel hat für die Commerzbank ein erhebliches Sparpotenzial ausgemacht. UniCredit rechnet mit rund 1,2 Milliarden Euro an jährlichen Vorsteuer-Einsparungen beziehungsweise Ertragseffekten durch die strategische Annäherung. Gleichzeitig strebt Orcel eine Aufwand-Ertrag-Quote von 37 Prozent bis 2030 an.
Bei UniCredit wurden Hierarchien und Personal abgebaut
Wie Reuters unter Berufung auf Gespräche mit mehr als einem Dutzend aktueller und ehemaliger UniCredit-Manager berichtet, hat Orcel den italienischen Konzern seit seinem Amtsantritt 2021 stark umgebaut. Die Belegschaft wurde demnach um rund ein Fünftel reduziert. Besonders im Fokus standen zentrale Verwaltungsfunktionen, die Orcel als «Wasserkopf» bezeichnete.
Gleichzeitig wurden Beschäftigte teilweise aus zentralen Bereichen in Filialen versetzt. Dort sollten sie stärker zum Geschäft und damit zum Ertragswachstum beitragen. Die Zahl der Hierarchieebenen zwischen dem Vorstand und den Kundenberatern wurde laut Reuters von neun auf vier reduziert.
Auch organisatorisch setzte Orcel auf eine deutliche Straffung. Unternehmenseinheiten wurden zusammengelegt und vergrössert. Der Ansatz folgt einer klaren Priorität: Bereiche mit direktem Beitrag zu Erträgen sollen stärker gewichtet werden, während Kosten in zentralen Funktionen unter Druck geraten.
Für die Commerzbank könnte dies besonders weitreichende Folgen haben. Das Frankfurter Institut verfügt über ein anderes Geschäftsmodell und eine andere Unternehmenskultur als UniCredit. Die Commerzbank betont deshalb weiterhin ihre eigenständige Strategie «Momentum 2030».
Profitabilität steht über vielen bisherigen Strukturen
Orcels Vorgehen bei UniCredit zeigt, welchen Stellenwert Kostenkontrolle für seine Strategie hat. Laut Reuters sank die Aufwand-Ertrag-Quote des italienischen Instituts unter seiner Führung von rund 52 Prozent auf etwa 34 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Commerzbank liegt die Kennziffer derzeit bei rund 50 Prozent.
Gleichzeitig stiegen die Erträge von UniCredit deutlich. Die Aktionäre profitierten ebenfalls: Die UniCredit-Aktie hat ihren Wert seit Orcels Amtsantritt laut Reuters stark gesteigert. Der Kursanstieg fiel damit deutlich stärker aus als beim europäischen Bankenindex.
Der Umbau hatte allerdings auch Nebenwirkungen. Zahlreiche langjährige Führungskräfte verliessen UniCredit, und im Top-Management kam es zu einem vergleichsweise hohen Wechsel. Mehrere von Reuters befragte Insider beschrieben Orcels Führungsstil als stark leistungs- und ergebnisorientiert.
Für die Commerzbank stellt sich deshalb nicht nur die Frage nach möglichen Einsparungen. Entscheidend wird sein, wie sich die Strategie auf Kundenbeziehungen, Mitarbeiter und die Kontrollfunktionen der Bank auswirkt.
EZB erwartet schwierige Integration
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) sieht bei einer Übernahme erhebliche Herausforderungen. Nach einem Reuters vorliegenden Dokument geht die EZB von einem «herausfordernden und langwierigen Integrationsprozess» aus. Die Aufsicht sieht dabei unter anderem Unterschiede bei Geschäftsmodell, Governance und Unternehmenskultur.
Die Commerzbank arbeitet stärker mit langfristigen Kundenbeziehungen und verfügt über Strukturen, die entsprechend aufwendig sind. UniCredit setzt demgegenüber stärker auf standardisierte Produkte und eine schlankere Organisation. Genau dieser Unterschied könnte die Umsetzung von Orcels Sparplänen erschweren.
Zudem müssen zentrale Kontrollbereiche wie Compliance und Risikomanagement ausreichend ausgestattet bleiben. Ein zu starker Personalabbau in diesen Funktionen wäre für eine Grossbank regulatorisch problematisch. Die Aufsichtsbehörden dürften deshalb genau beobachten, wie UniCredit mögliche Einsparungen umsetzt.
Die EZB neigt nach einem internen Dokument zwar dazu, die Übernahme nicht zu blockieren. Gleichzeitig bestehen weiterhin Fragen zur Governance und zur konkreten Integrationsstrategie. Eine endgültige Entscheidung der Aufsicht wird laut Reuters im September oder Oktober erwartet.
Für die Commerzbank bedeutet dies: Sollte Orcel seinen Kurs durchsetzen, dürfte sich das Institut in den kommenden Jahren deutlich verändern. Wie stark Arbeitsplätze, Hierarchien und einzelne Geschäftsbereiche betroffen sein werden, hängt jedoch von den konkreten Integrationsplänen und den regulatorischen Entscheidungen ab.
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