Der Trend #nogeotag gewinnt unter Influencerinnen und Influencern an Bedeutung. Statt den genauen Standort eines beliebten Naturorts zu veröffentlichen, verzichten sie auf Geotags, um Besucherströme zu begrenzen. Tourismusexperten sehen darin allerdings nur einen Teil der Lösung und setzen auch auf gezielte Besucherlenkung.
Orte wie der Oeschinensee oder das Berggasthaus Aescher wurden durch Bilder in sozialen Medien international bekannt. Die Folge: Immer mehr Menschen wollten die auf Fotos scheinbar unberührten Landschaften selbst erleben.
Für Stefan Forster, Leiter des Forschungsbereichs Tourismus und nachhaltige Entwicklung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), sind soziale Medien deshalb Fluch und Segen zugleich. Dass einzelne Orte innerhalb kurzer Zeit zu Touristenmagneten werden, sei allerdings kein neues Phänomen.
Vom Reiseführer zum Influencer
Früher hätten Postkarten oder Reiseführer dazu beigetragen, bestimmte Reiseziele bekannt zu machen. Heute übernehmen soziale Medien und Influencerinnen und Influencer diese Funktion deutlich schneller.
Mit #nogeotag versuchen einige Content Creator, diesen Effekt umzukehren. Der genaue Standort eines Naturmotivs wird nicht angegeben oder lediglich mit einer grösseren Region versehen. Damit soll verhindert werden, dass bislang wenig bekannte Orte innerhalb kurzer Zeit von grossen Besuchermengen aufgesucht werden.
Beim Schweizerischen Alpenclub (SAC) kennt man den Ansatz bereits. Der SAC hatte 2021 während der Corona-Pandemie mit einer Kampagne gegen Wildcampen sensibilisiert.
Philippe Wäger, Ressortleiter Hütten und Umwelt beim SAC, unterscheidet dabei zwischen bereits bekannten Sehenswürdigkeiten und echten Geheimtipps. Bei einem bekannten Ort wie dem Matterhorn sei ein Geotag weniger problematisch. Wer einen wenig bekannten Ort bewusst als Geheimtipp erhalten wolle, sollte dagegen auf die genaue Ortsangabe verzichten.
Dabei gehe es auch darum, dass sich Einheimische und Gäste Gedanken darüber machten, welche Orte sie exakt taggen und bei welchen Motiven lediglich eine Region genannt werde.
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Schweiz Tourismus setzt auf Transparenz
Schweiz Tourismus steht dem vollständigen Verzicht auf Ortsangaben hingegen kritisch gegenüber. Die Organisation betont, dass Transparenz, Kontext sowie nachvollziehbare Quellen- und Ortsangaben gerade angesichts von künstlich erzeugten und zunehmend austauschbaren Inhalten wichtig seien.
Damit stehen sich zwei Ansätze gegenüber: Während #nogeotag den Standort bewusst weniger sichtbar machen will, setzt die Tourismusorganisation auf transparente Informationen und eine gezielte Lenkung der Besucherströme.
Auch ausserhalb der Schweiz sorgt die Verbreitung von Naturmotiven über soziale Medien immer wieder für Diskussionen. Im Berchtesgadener Land in Bayern etwa hatte ein Instagram-Beitrag der Influencerin Yvonne Pferrer über einen Naturpool Aufmerksamkeit ausgelöst. Die zuständige Parkverwaltung suchte daraufhin das Gespräch mit ihr. Anschliessend passte sie ihren Beitrag an.
Social Media kann auch bei der Besucherlenkung helfen
Tourismusexperte Forster sieht im Verzicht auf Geotags allein keine ausreichende Lösung. Wenn ein Ort nicht genau bezeichnet werde, könne gerade der dadurch entstehende Eindruck eines Geheimtipps die Neugier zusätzlich steigern.
Stattdessen könnten soziale Medien auch genutzt werden, um Besucherströme gezielt zu lenken. An einzelnen Orten gibt es laut Forster bereits sogenannte Social-Media-Ranger. Sie beobachten digitale Trends und können frühzeitig erkennen, wenn ein bislang wenig frequentierter Ort plötzlich grosse Aufmerksamkeit erhält.
Dadurch könnten Behörden und Tourismusorganisationen reagieren, bevor sich grössere Menschenmengen bilden. Auch Schweiz Tourismus verfolgt mit der Initiative «Travel Better» das Ziel, Gäste stärker auf verschiedene Regionen und Sehenswürdigkeiten zu verteilen.
Der Umgang mit #nogeotag zeigt damit ein grundlegendes Problem des modernen Tourismus: Soziale Medien können Naturorte innerhalb kurzer Zeit überlasten, gleichzeitig bieten sie aber auch Möglichkeiten, Reisende gezielt zu informieren und Besucherströme nachhaltiger zu verteilen.





