In Nigeria ereignete sich eine der schwersten Massenentführungen der jüngeren Geschichte: Bewaffnete verschleppten 315 Schüler und Angestellte aus einer katholischen Schule im Bundesstaat Niger. Die Christliche Vereinigung Nigerias (CAN) bestätigte die aktualisierte Zahl nach einer erneuten Überprüfung – deutlich mehr als zunächst angenommen. Laut bbc.com zeigt die Tragödie erneut die dramatische Sicherheitslage im Land.
Schock und Verzweiflung – Angehörige berichten
Die Entführung ereignete sich am frühen Freitagmorgen gegen 2 Uhr Ortszeit, als Bewaffnete die St. Mary’s School in Papiri überrannten. Laut Augenzeugen wurden Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren mitten in der Nacht aus ihren Schlafsälen gezerrt.
Ein Vater, dessen Kinder verschont blieben, sagte gegenüber der BBC:
„Alle sind völlig erschöpft … es kam für alle völlig unerwartet.“
Eine andere Angehörige, deren zwei Nichten verschleppt wurden, brach in Tränen aus:
„Ich möchte einfach nur, dass sie nach Hause kommen.“
Mehr als 300 Vermisste – Zahl der Opfer steigt weiter
Zunächst war von 215 Opfern die Rede. Nach einer vollständigen Durchsicht kam CAN jedoch auf 303 entführte Schüler und 12 Mitarbeiter – insgesamt 315 Menschen. Damit übertrifft die Zahl sogar jene der berüchtigten Chibok-Entführung von 2014, bei der 276 Mädchen verschleppt wurden.
Laut AFP entspricht die neue Zahl fast der Hälfte der gesamten Schülerschaft.
Sicherheitskräfte durchsuchen riesige Waldgebiete
Die nigerianische Polizei erklärte, spezialisierte Einsatzkräfte hätten die Jagd auf die Täter aufgenommen. Die bewaffneten Gruppen – meist als „Banditen“ bezeichnet – verstecken sich oft tief im Buschland und nutzen die abgeschiedenen Regionen als Basis.
Die Schule habe laut Behörden eine behördliche Anordnung zur Schliessung der Internatsbereiche ignoriert, obwohl Geheimdienste vor einem hohen Anschlagsrisiko gewarnt hatten.
Nigeria erlebt eine Welle von Entführungen
Die Massenentführung ist bereits der dritte schwere Angriff innerhalb einer Woche:
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Kebbi-Staat: Über 20 muslimische Schülerinnen entführt
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Kwara-Staat: Kirche angegriffen, zwei Tote, 38 entführt
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Weitere Regionen: Mehrere Kleingruppen entführt oder getötet
Der nigerianische Präsident Bola Tinubu hat seine Auslandsreisen abgesagt, darunter Teilnahme am G20-Gipfel, um sich der Sicherheitskrise zuzuwenden.
Über 40 staatliche Hochschulen wurden vorsorglich geschlossen. Auch andere Bundesstaaten schliessen ihre Schulen.
Internationale politische Debatte – Trump-Vorwürfe sorgen für Spannungen
Die Entführungen erfolgen vor dem Hintergrund wachsender politischer Kontroversen: Rechtsgerichtete Stimmen in den USA, darunter Donald Trump, behaupten seit Monaten, Christen würden in Nigeria systematisch verfolgt.
Die Regierung Nigerias weist diese Darstellung zurück:
„Terroristen greifen alle an, die ihre mörderische Ideologie ablehnen – Muslime, Christen und Konfessionslose gleichermassen.“
Experten bestätigen, dass Gewalt in Nigeria oft eher mit Konflikten um Ressourcen, Land oder Macht zusammenhängt als mit religiösen Motiven.
Ein Land im Ausnahmezustand
Nigeria kämpft seit Jahren mit Dutzenden bewaffneten Gruppen, darunter:
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Boko Haram (aktiv seit 2009)
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ISWAP (Islamic State West Africa Province)
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Kriminelle Banden („Bandits“)
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Lokale Konflikte zwischen Hirten und Bauern
Mehrere hundert der 2014 entführten Chibok-Mädchen gelten noch immer als vermisst.
Die jüngste Massenentführung verdeutlicht, wie dringlich Nigeria umfassende Lösungen braucht – von Sicherheitsreformen bis zu sozialer Stabilität.










