Ein neunjähriger Junge ist in der türkischen Stadt Çanakkale nach einer mutmasslichen Vergiftung gestorben. Im Verdacht steht Aluminiumphosphid, das bei einer Schädlingsbekämpfung in einer benachbarten Wohnung eingesetzt worden sein soll. Die Ermittler prüfen den Fall. Die Familie war nach eigenen Angaben zuvor nicht über die Behandlung informiert worden.
Familie bemerkt mögliche Vergiftung
Der Vorfall ereignete sich am 5. August im Stadtteil Barbaros in Çanakkale. Nach Angaben des Vaters Uğur Çanlı befand sich die Familie im obersten Stock eines Wohnhauses und wusste zunächst nichts von einer Schädlingsbekämpfung in der Nachbarwohnung.
Als der Vater am Morgen von der Arbeit nach Hause kam, fand er seinen Sohn Yusuf Talha und seine Frau Sevda erschöpft auf dem Sofa. Auch die Vögel der Familie seien reglos gewesen. Aufgrund dieser Beobachtungen vermutete der Vater eine Vergiftung und öffnete zunächst die Fenster.
Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn verliess er anschliessend die Wohnung. An der gegenüberliegenden Wohnung bemerkte er Absperrband an der Tür. Nachdem dort niemand reagiert hatte, brachte er seine Familie in die Notaufnahme.
Nach Angaben des Vaters erfuhr die Familie auf Nachfrage bei dem Nachbarn und der zuständigen Schädlingsbekämpfungsfirma, dass in der Wohnung Aluminiumphosphid eingesetzt worden war. Der neunjährige Yusuf Talha starb trotz medizinischer Behandlung. Er wurde am Montag beerdigt.
Laut Euronews war bereits im Zusammenhang mit dem Tod der Hamburger Familie Böcek im Jahr 2025 Aluminiumphosphid beziehungsweise das daraus entstehende hochgiftige Phosphin als mögliche Ursache untersucht worden. Inzwischen läuft in Istanbul ein Gerichtsverfahren gegen mehrere Beteiligte des damaligen Falls.
Ermittlungen gegen Nachbarn laufen
Die türkischen Behörden untersuchen nun, wie es zur möglichen Vergiftung in Çanakkale kommen konnte. Im Mittelpunkt steht auch die Frage, ob die Bewohner des Hauses ausreichend über die Schädlingsbekämpfung informiert wurden und ob die verwendete Substanz unter den gegebenen Bedingungen eingesetzt werden durfte.
Gegen den Nachbarn wurde nach den vorliegenden Angaben ein juristisches Verfahren eingeleitet. Der Vater des verstorbenen Jungen fordert Aufklärung und will nach eigenen Angaben verhindern, dass eine ähnliche Tragödie weitere Familien trifft.
Die Mutter des Kindes befindet sich weiterhin in medizinischer Behandlung. Die genaue Ursache für den Tod des Jungen muss im Rahmen der laufenden Untersuchungen abschliessend geklärt werden.
Aluminiumphosphid kann hochgiftiges Gas freisetzen
Aluminiumphosphid ist eine anorganische Verbindung, die unter anderem zur Schädlingsbekämpfung bei gelagerten Agrarprodukten eingesetzt wird. Kommt der Stoff mit Feuchtigkeit oder Wasser in Kontakt, kann hochgiftiges Phosphin entstehen.
Phosphin kann über die Atemwege aufgenommen werden und schwere Vergiftungen verursachen. Je nach Konzentration und Dauer der Belastung können unter anderem Atemprobleme, Kreislaufstörungen, Herzprobleme und schwere Organschäden auftreten.
Besonders gefährlich kann eine Anwendung in oder in der Nähe von Wohnräumen sein, wenn das Gas in benachbarte Bereiche gelangt. Deshalb ist bei solchen Stoffen eine fachgerechte Anwendung unter kontrollierten Bedingungen entscheidend.
Fall erinnert an Hamburger Familie
Der Fall aus Çanakkale erinnert an die Tragödie der Familie Böcek aus Hamburg. Die vierköpfige Familie war im November 2025 während eines Türkei-Urlaubs in Istanbul schwer erkrankt. Mutter, Vater und die beiden Kinder starben später.
Im damaligen Fall geriet ebenfalls eine Schädlingsbekämpfung in den Fokus der Ermittlungen. Nach Angaben der Anklage war in einem Raum des Hotels Aluminiumphosphid eingesetzt worden. Das daraus entstehende Phosphin soll über den Gebäudeschacht in das Zimmer der Familie gelangt sein. Mehrere Personen wurden in dem Fall angeklagt.
Die beiden Fälle sind bislang nicht rechtlich miteinander verbunden. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Verdacht, dass eine unsachgemässe oder nicht ausreichend abgesicherte Schädlingsbekämpfung zu einer gefährlichen Belastung mit einem giftigen Stoff geführt haben könnte.






