Die Schweizer Klimaforschung schlägt Alarm – und hält trotzdem an einem Funken Hoffnung fest.
Eine neue Befragung von 80 Forschenden zeigt: Der Glaube an das 1,5-Grad-Ziel ist praktisch weg, die Sorgen wachsen. Doch technologische Lösungen und ein wachsendes Umweltbewusstsein geben verhaltenen Optimismus.
Was die Studie zeigt – in Kürze
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1,5 Grad sind praktisch vom Tisch
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Bis 2050 wird die Schweiz deutlich stärker betroffen sein
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Politische Untätigkeit frustriert die Forschenden
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Innovation und Engagement machen trotzdem Hoffnung
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Viele Forschende sind emotional stark belastet
2050: Ein anderes Klima für die Schweiz
Die befragten Klimaforschenden sind sich weitgehend einig:
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Eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad bis Ende des Jahrhunderts gilt als äusserst unwahrscheinlich.
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Bis 2050 erwarten sie deutliche bis sehr deutliche Auswirkungen des Klimawandels auf die Lebensbedingungen in der Schweiz.
Das bedeutet konkret etwa:
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mehr Hitzetage in den Städten
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häufigere und intensivere Extremereignisse wie Dürren oder Starkniederschläge
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weiter schmelzende Gletscher und instabile Berggebiete
Klimapolitik: Viel Frust, etwas Hoffnung
Warum die globale Klimapolitik als ungenügend gilt
Die Antworten der Forschenden zeichnen ein klares Bild:
Die globale Klimapolitik wird überwiegend als zu langsam, zu schwach und zu widersprüchlich bewertet.
Genannte Hauptgründe:
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politische Untätigkeit oder politischer Unwille
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mangelnde internationale Zusammenarbeit
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starke wirtschaftliche Interessen und Lobbyismus
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kurzfristiger Wahlzyklus statt langfristiger Klimastrategie
Wo noch Optimismus bleibt
Trotz aller Skepsis sehen viele Forschende Handlungsspielräume:
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Technologische Innovationen
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effizientere Speicher und Netze für erneuerbare Energien
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CO₂-Reduktion in Industrie, Bau und Verkehr
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Wirtschaftliche Anreize
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Lenkungsabgaben und CO₂-Preise
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gezielte Förderung von klimafreundlichen Investitionen
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Zivilgesellschaftliches Engagement
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Klimabewegungen
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lokale Initiativen von Gemeinden, Unternehmen und Schulen
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Diese Hebel werden als besonders wichtig bewertet, um trotz politischer Verzögerungen Fortschritte zu erzielen.
Rolle der Schweiz: Kleine Emissionen, grosse Verantwortung
Rund 80 Prozent der Befragten sehen die Schweiz in einer speziellen Verantwortung:
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Sie verursacht pro Kopf hohe Emissionen.
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Sie verfügt über hohen Wohlstand und starke Forschung.
Daraus ergibt sich aus Sicht der Forschenden:
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Die Schweiz sollte eine Führungsrolle bei Klimaschutz, Innovation und Finanzierung übernehmen.
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Klimapolitik soll innen- und aussenpolitisch glaubwürdig sein – vom Inlandziel bis zu Investitionen im globalen Süden.
Wissenschaftskommunikation: Gut, aber noch nicht gut genug
Rund 80 Prozent der Forschenden sind überzeugt, dass die Schweizer Wissenschaft entscheidend zur Sensibilisierung der Bevölkerung beiträgt.
Gleichzeitig meint etwa die Hälfte, dass Wissenschaft und Politik:
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Risiken, Zeitdruck und Folgen noch klarer erklären müssen
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konkrete Lösungen sichtbarer machen sollten
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stärker auf Dialog statt nur auf Warnungen setzen müssen
Interaktive Formate – Workshops, öffentliche Diskussionen, Visualisierungen – werden als besonders wirkungsvoll empfunden.
Emotionale Belastung in der Forschung
Die Umfrage zeigt auch die menschliche Seite der Klimaforschung:
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72 Prozent fühlen sich durch ihre Arbeit und die globale Entwicklung emotional belastet.
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41 % „gelegentlich“
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31 % „mehrmals pro Woche“
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Nur 6 Prozent geben an, sich durch ihre Arbeit nicht emotional belastet zu fühlen.
Viele Forschende arbeiten seit Jahren mit Daten, die zeigen, wie schnell sich das Klima verändert – und wie begrenzt das Zeitfenster für Gegenmassnahmen ist. Das hinterlässt Spuren: Stress, Frust, aber auch das Gefühl, nicht einfach wegschauen zu dürfen.
Wer befragt wurde
Die Umfrage richtete sich an 108 Klimaforschende renommierter Schweizer Institutionen, darunter:
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EPFL und ETH Zürich
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Universitäten Neuenburg, Zürich, Bern, Basel, Genf, Freiburg, Lausanne
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Paul-Scherrer-Institut (PSI), WSL, Empa, MeteoSchweiz
80 Forschende beantworteten den Fragebogen – eine breite, wenn auch nicht vollständige Momentaufnahme der Schweizer Klimaforschung.
Die Botschaft der Forschenden ist klar:
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Die Zeit für unverbindliche Klimaversprechen ist vorbei.
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Die 1,5-Grad-Grenze gilt fast als verloren, aber jede vermiedene Zehntelgrad-Erwärmung zählt.
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Technologie, Politik und Gesellschaft müssen gleichzeitig handeln – nicht nacheinander.
Die Schweizer Klimaforschung mahnt, warnt – und zeigt zugleich Wege, wie ein klimaverträglicherer Alltag aussehen kann.










