39 Grad draussen – und im Zug fühlt es sich an wie in einer Sauna. Fast jeder kennt das Gefühl: Man steigt in einen SBB-Zug, erwartet Abkühlung und schwitzt trotzdem. Warum kühlen Züge und Busse in der Schweiz bei extremer Hitze nicht stärker? Die Antwort überrascht viele.
Das Wichtigste in Kürze
- 98 Prozent aller SBB-Züge haben eine Klimaanlage – trotzdem wird es warm
- Die Klimaanlagen kühlen bewusst nur 5 bis 10 Grad unter die Aussentemperatur
- Bei 39 Grad bedeutet das: Im Zug sind es minimal 29 Grad
- Täglich haben durchschnittlich 20 von 9’100 Klimageräten eine Störung
- Züge ohne Klimaanlage sind in der SBB-App mit einem Thermometer-Symbol markiert
- Das Zugpersonal kann die Temperatur manuell um 2 Grad senken – einfach fragen!
Warum kühlt die Klimaanlage im Zug nicht mehr?
Die kurze Antwort: Es ist so gewollt. Die SBB und alle anderen europäischen Bahnen arbeiten nach klaren Richtlinien des Internationalen Eisenbahnverbands UIC. Diese legen fest, dass die Innentemperatur an Hitzetagen zwischen 3 und maximal 10 Grad unter der gemessenen Aussentemperatur liegen soll.
Das heisst konkret: Bei 39 Grad Aussentemperatur – wie zuletzt in Basel gemessen – liegt die Zieltemperatur im Zug zwischen 29 und 36 Grad. Was wie eine Fehlfunktion wirkt, ist also bewusst so geplant.
Der Grund: Extreme Temperaturunterschiede zwischen drinnen und draussen belasten den menschlichen Körper. Häufige Wechsel zwischen Hitze und stark gekühlten Räumen können Kreislaufbeschwerden begünstigen – darunter Schwindel, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Besonders gefährdet sind Personen mit Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems.
Aber mein Zug hatte doch eine Klimaanlage?
Ja – und sie funktioniert trotzdem nicht so wie erwartet. Dafür gibt es mehrere Gründe:
1. Aussentemperatur Je heisser es draussen ist, desto weniger Spielraum hat die Klimaanlage. Bei 39 Grad schafft sie physikalisch nicht dasselbe wie bei 28 Grad.
2. Anzahl der Fahrgäste Jeder Mensch im Zug gibt Körperwärme ab – bis zu 80 Watt pro Person. Ein vollbesetzter Zug heizt sich dadurch zusätzlich auf, egal wie gut die Klimaanlage läuft.
3. Fahrtgeschwindigkeit Auch die Geschwindigkeit des Zuges beeinflusst die Kühlleistung. Bei langsamerer Fahrt oder beim Stehen im Bahnhof ist die Kühlung weniger effizient.
4. Störungen Die SBB gibt offen zu: Von den rund 9’100 eingebauten Klimageräten haben täglich durchschnittlich 20 eine Störung. Das entspricht einer Fehlerquote von 0,24 Prozent – klingt wenig, trifft aber täglich Hunderte Fahrgäste.
Was tun, wenn der Zug zu heiss ist?
Für das Zugpersonal – sowohl Lokführer als auch Zugbegleiter – gibt es die Möglichkeit, die Temperatur manuell um zusätzliche 2 Grad zu senken. Das klingt wenig, kann aber einen Unterschied machen.
Tipps für Hitze im Zug:
- Zugpersonal ansprechen: Höflich nach mehr Kühlung fragen. Das Personal kann die Temperatur manuel anpassen.
- Zug wechseln: In längeren Zügen gibt es oft kühlere Wagen – besonders in der Zugmitte.
- SBB-App checken: Das Thermometer-Symbol warnt vor Zügen ohne Klimaanlage. Verbindung früh genug prüfen!
- Reisezeit anpassen: Früh morgens oder spät abends fahren – dann sind die Aussentemperaturen tiefer.
- Defekt melden: Unter «Reklamationen und Beschwerden» auf sbb.ch unter «Temperatur (Klimaanlage/Heizung)» kann ein defektes Klimagerät gemeldet werden.
Wie erkennst du einen Zug ohne Klimaanlage?
Seit 2024 zeigt die SBB in ihrer App und auf sbb.ch von Juni bis September ein kleines Thermometer-Symbol bei Zugverbindungen, die nicht oder nur teilweise klimatisiert sind. Betroffen sind vor allem ältere Entlastungswagen, die in den Hauptverkehrszeiten eingesetzt werden.
Was ist mit dem Postauto?
Auch Postauto setzt auf ähnliche Richtlinien: Die Klimaanlagen in den meisten der rund 2’400 Fahrzeuge sind so eingestellt, dass der Temperaturunterschied zwischen innen und aussen maximal 6 Grad beträgt. Bei 35 Grad draussen sind das im Bus also mindestens 29 Grad.
Fazit: Kein Fehler – sondern System
Wer bei 39 Grad im Zug schwitzt, ist nicht Opfer einer kaputten Klimaanlage. Das System funktioniert genau so, wie es soll. Ob das genug ist, darüber lässt sich streiten. Die SBB verspricht: «Es wird alles Maschinen- und Menschenmögliche getan, um die Temperaturen auf einem angenehmen Niveau oder an heissen Tagen zumindest unter 30 Grad zu halten.»
Unter 30 Grad – bei 39 Grad draussen. Das ist das Versprechen der SBB.
Klimaanlage defekt melden: sbb.ch → Reklamationen und Beschwerden → Temperatur Züge ohne Klimaanlage: SBB-App oder sbb.ch/fahrplan (Thermometer-Symbol)






