Seltene Handwerksberufe wie Drechsler, Orgelbauer oder Seilbahner kämpfen zunehmend um genügend Nachwuchs. Ein Netzwerk von Kleinstberufen will mit Lehrbetriebsverbünden neue Wege schaffen: Mehrere Betriebe sollen künftig gemeinsam Lernende ausbilden und so traditionelle Berufe langfristig sichern.
Seltene Berufe kämpfen um Nachwuchs
Bauwerktrenner, Drechslerin, Seilbahner oder Orgelbauer – viele dieser Berufe sind selten geworden. Sie gehören zu den sogenannten Kleinstberufen, in denen schweizweit nicht mehr als 80 Lernende ausgebildet werden.
Für diese Branchen ist es besonders schwierig, genügend Nachwuchs zu finden und gleichzeitig Ausbildungsplätze anzubieten. Die Berufe selbst würden jedoch auch in Zukunft gebraucht, sagt Nadja Sternik, Präsidentin des Netzwerks der Kleinstberufe.
Ein Beispiel ist die Drechslerei von Manuel Ruff im thurgauischen Engwilen. Zusammen mit seinem Bruder stellt er Holzprodukte her – darunter Tischbeine, Pfeffermühlen oder Graburnen.
Ruff absolvierte zunächst eine Schreinerlehre und entschied sich später für eine zweite Ausbildung zum Drechsler. Der Lehrberuf trägt offiziell die Bezeichnung «Holzhandwerker Fachrichtung Drechslerei».
Während seine eigene Klasse noch aus vier Lernenden bestand, ist die Situation heute deutlich schwieriger. Aktuell gibt es schweizweit nur noch eine einzige Lernende in diesem Beruf. Im zweiten und dritten Lehrjahr gibt es derzeit niemanden.
Mehrere Betriebe teilen sich eine Lehrstelle
Eine mögliche Lösung sieht das Netzwerk der Kleinstberufe in sogenannten Lehrbetriebsverbünden. Dabei bildet nicht mehr ein einzelner Betrieb alleine eine lernende Person aus, sondern mehrere Unternehmen teilen sich die Verantwortung.
Die Ausbildung erfolgt abwechselnd in den beteiligten Betrieben. Dadurch können auch kleinere Unternehmen einen Beitrag zur Nachwuchsförderung leisten, ohne sämtliche Anforderungen einer kompletten Lehrstelle alleine erfüllen zu müssen.
Mit verschiedenen Firmen und Berufsverbänden wurden bereits Gespräche geführt. Ziel ist es, dass erste Lehrbetriebsverbünde bereits 2027 starten könnten. Falls die Vorbereitungen mehr Zeit benötigen, ist ein Start im Jahr 2028 vorgesehen.
Eine Herausforderung bleibt jedoch die Organisation. Viele spezialisierte Betriebe liegen geografisch weit auseinander. Zusätzlich erschweren unterschiedliche kantonale Regelungen die Zusammenarbeit.
«Kantonsgrenzen helfen den Lehrbetriebsverbünden nicht», sagt Nadja Sternik. Eine stärkere Zusammenarbeit über regionale Grenzen hinweg sei deshalb entscheidend.
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Austausch zwischen traditionellen Handwerken
Auch wenn Manuel Ruff derzeit eine Lehrstelle in seinem Betrieb besetzen konnte und nach den Sommerferien eine neue Person ausbildet, sieht er im Verbundsystem grosse Chancen.
Gerade kleinere Betriebe könnten dadurch weiterhin Lernende aufnehmen und ihr Wissen weitergeben. Zudem profitiere die Branche vom Austausch innerhalb des Netzwerks.
Davon überzeugt ist auch Orgelbauer Peter Meier aus Rheinfelden AG. Für ihn haben viele traditionelle Handwerksberufe ähnliche Herausforderungen – etwa bei der Ausbildung oder bei der Bekanntmachung ihrer Tätigkeiten.
Der Austausch über Berufsgrenzen hinweg bringt zudem überraschende Gemeinsamkeiten hervor. So diskutierten beispielsweise ein Bauwerktrenner und eine Klavierbauerin über das gemeinsame Thema Schwingungen.
Auch zwischen einem Goldschmied und einer Keramikerin entstanden neue Ideen, etwa bei der Frage nach alternativen Materialien für Eheringe.
Traditionelle Berufe sollen erhalten bleiben
Die Lehrbetriebsverbünde sollen nicht nur einzelne Lehrstellen sichern, sondern langfristig das Überleben ganzer Berufsfelder ermöglichen.
Viele Kleinstberufe verfügen über jahrhundertealte Techniken und spezielles Fachwissen. Ohne genügend Nachwuchs besteht die Gefahr, dass dieses Wissen verloren geht.
Mit mehr Zusammenarbeit, gemeinsamen Ausbildungsmodellen und einem stärkeren Austausch zwischen den Branchen wollen die beteiligten Betriebe dafür sorgen, dass auch seltene Handwerksberufe in der Schweiz eine Zukunft haben.






