Schweizer Abwasserreinigungsanlagen geben jedes Jahr rund 4,7 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt ab. Das entspricht etwa einem halben Gramm pro Einwohner. Gleichzeitig gelangt über die Atmosphäre schätzungsweise rund doppelt so viel Mikroplastik in Schweizer Gewässer. Die Zahlen stammen aus einer landesweiten Untersuchung von Eawag, Empa und Agroscope.
Erste verlässliche Zahlen für die Schweiz
Für die Untersuchung wurden 51 Kläranlagen analysiert, die rund 44 Prozent der Schweizer Bevölkerung abdecken. Die Messungen ermöglichen erstmals eine belastbare Hochrechnung auf die gesamte Schweiz. Pro Einwohner entspricht die Menge von 4,7 Tonnen jährlich ungefähr der Kunststoffmenge eines Trinkhalms.
Untersucht wurden sowohl kommunale als auch industrielle Abwasserreinigungsanlagen. Dabei zeigten sich grundsätzlich keine systematischen Unterschiede zwischen den beiden Anlagentypen. Einzelne Anlagen wiesen jedoch auffällig hohe Werte auf.
In einer Kläranlage wurden beispielsweise besonders viele Partikel aus Polypropylen (PP) festgestellt. Die Forschenden vermuten, dass ein dort eingesetztes PP-Trägermaterial selbst Kunststoffpartikel in den Klärschlamm abgibt.
Partikel aus Reifenabrieb wurden bei der Untersuchung nicht berücksichtigt. Sie können teilweise ebenfalls als Mikroplastik eingestuft werden, waren aufgrund analytischer Schwierigkeiten aber nicht Bestandteil dieser Studie.
Klärschlamm liefert bessere Messwerte
Eine Besonderheit der Untersuchung war die Methode zur Probenahme. Statt das Mikroplastik direkt im gereinigten Abwasser zu messen, untersuchten die Forschenden den Klärschlamm.
Der Grund liegt in den Eigenschaften der Partikel: Mikroplastik haftet an grösseren Schlammflocken. Während diese Partikel im gereinigten Abwasser nur in geringer Konzentration vorkommen, lassen sie sich im Klärschlamm deutlich einfacher erfassen.
Die Forschenden untersuchten Mikroplastikpartikel mit einer Grösse von mehr als 20 Mikrometern und stellten fest, dass nahezu alle an den Schlammflocken haften. Weil Kläranlagen die Menge der mit dem gereinigten Abwasser abfliessenden Schlammflocken bereits routinemässig erfassen, konnten die Forschenden daraus die Gesamtmenge der austretenden Mikroplastikpartikel berechnen.
Kontrollmessungen bestätigten die Ergebnisse. Die neue Methode soll damit robustere Daten liefern als bisherige Verfahren und eine bessere Vergleichbarkeit ermöglichen.
Atmosphäre trägt ebenfalls erheblich bei
Die Kläranlagen sind nur ein Teil der Mikroplastikbelastung. Untersuchungen der Empa zeigen, dass auch die Atmosphäre eine bedeutende Rolle spielt.
Demnach gelangen schätzungsweise rund 10 Tonnen Mikroplastik pro Jahr aus der Luft in Schweizer Gewässer. Das ist etwa doppelt so viel wie der Eintrag über Abwasserreinigungsanlagen.
Damit wird deutlich, dass die Reduktion von Mikroplastik nicht allein über die Abwasserreinigung erreicht werden kann. Die verschiedenen Eintragswege müssen getrennt betrachtet werden, um wirksame Massnahmen zu entwickeln.
Mikroplastik bereits an der Quelle reduzieren
Welche langfristigen Auswirkungen Mikroplastik auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit hat, ist weiterhin Gegenstand der Forschung. Gleichzeitig sollen die Kunststoffeinträge möglichst bereits an ihrer Quelle reduziert werden.
Die Schweizer Kläranlagen werden derzeit teilweise mit zusätzlichen Reinigungsstufen ausgerüstet. Diese sollen Mikroverunreinigungen wie Arzneimittel und Pestizide besser aus dem Abwasser entfernen. Nach Einschätzung der Forschenden wird die zusätzliche Reinigungsstufe auch einen erheblichen Teil des Mikroplastiks zurückhalten, das heute noch mit dem Abwasser in die Umwelt gelangt.
Die neuen Messdaten zeigen jedoch die Grenzen dieses Ansatzes. Ein erheblicher Teil des Mikroplastiks gelangt über die Atmosphäre in Gewässer und kann damit nicht durch Kläranlagen aufgehalten werden.
Aus Sicht der Forschenden liegt deshalb ein wichtiger Hebel bei der Vermeidung von Kunststoffemissionen. Dazu gehören ein möglichst gezielter Einsatz von Kunststoffen und die Reduktion von Littering. Gefordert seien dabei Politik, Industrie und Gesellschaft.
Eawag, Empa und Agroscope arbeiten zusammen
Die Untersuchung ist Teil eines gemeinsamen Projekts von Eawag, Empa und Agroscope. Die drei Forschungsinstitutionen untersuchen dabei die Belastung von Wasser, Luft und Boden durch feinste Kunststoffpartikel.
Für die Analysen steht am Eawag ein spezialisiertes Partikellabor zur Verfügung. Ende 2025 wurden dort zwei neue Infrarotmikroskope in Betrieb genommen. Die gemeinsam von Eawag, Empa und Agroscope finanzierten Geräte erhöhen die Kapazität für die Untersuchung von Mikroplastik deutlich.
Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachmagazin ACS ES&T Water veröffentlicht. Die neuen Daten sollen helfen, die verschiedenen Eintragswege von Mikroplastik besser zu quantifizieren und gezieltere Massnahmen gegen die Belastung der Umwelt zu entwickeln.






