Rund 70’000 Jugendliche starten in der Schweiz derzeit ins Berufsleben, während ebenso viele einen Ausbildungsplatz suchen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass künstliche Intelligenz bestimmte Berufe verändern oder sogar ersetzen könnte. Besonders Büroberufe stehen im Fokus. Fachleute sehen am Lehrstellenmarkt bisher jedoch keine deutlichen Auswirkungen.
Für rund 70’000 Jugendliche in der Schweiz beginnt Anfang August ein neuer Lebensabschnitt. Bei Unternehmen wie Migros, Coop, Lidl, Swisscom und Dertour Suisse haben in diesen Tagen zahlreiche Lernende ihre Ausbildung begonnen.
Gleichzeitig startet für viele Jugendliche bereits die Suche nach einer Lehrstelle für den Ausbildungsbeginn 2027. Neben Interessen und Verdienstmöglichkeiten beschäftigt sie dabei zunehmend eine andere Frage: Welche Berufe werden in einer Arbeitswelt mit künstlicher Intelligenz langfristig noch gebraucht?
Besonders stark ist die Unsicherheit bei jungen Menschen. Laut einer Studie von Jobcloud sorgen sich mehr als 40 Prozent der unter 25-Jährigen um ihren beruflichen Stellenwert. Die Angst, durch technologische Entwicklungen überflüssig zu werden, wird inzwischen auch als «FOBO» bezeichnet – «Fear of Becoming Obsolete».
Lehrstellenmarkt zeigt bisher wenig Auswirkungen
Trotz der wachsenden Unsicherheit gibt der Schweizer Lehrstellenmarkt derzeit kaum Anlass zur Sorge. Stefan C. Wolter, Leiter der Forschungsstelle Bildungsökonomie der Universität Bern, beobachtet insbesondere bei kaufmännischen Berufen weiterhin ein grosses Angebot an Ausbildungsplätzen.
Das ist bemerkenswert, weil gerade Büro- und Verwaltungstätigkeiten häufig als Bereiche gelten, in denen KI künftig einen Teil der bisherigen Aufgaben übernehmen könnte. Trotzdem gehört die KV-Lehre weiterhin zu den beliebtesten Ausbildungswegen.
Auch die Suchzahlen des Lehrstellenportals Yousty zeigen ein grosses Interesse. Nach Angaben des Portals entfällt rund eine Million von insgesamt fünf Millionen Suchanfragen auf die Ausbildung zur Kauffrau beziehungsweise zum Kaufmann EFZ.
Für Urs Casty, Gründer und Inhaber von Yousty, deutet dies darauf hin, dass das Angebot an KV-Lehrstellen bisher nicht wesentlich zurückgegangen ist. Jugendliche und ihre Eltern orientieren sich damit weiterhin stark an den tatsächlich verfügbaren Ausbildungsplätzen.
Wolter sieht deshalb vor allem die Unternehmen in der Verantwortung. Solange Firmen weiterhin KV-Lehrstellen anbieten, erhalten Jugendliche das Signal, dass diese Ausbildung auch künftig gebraucht wird.
Entscheidend wird das Verhalten der Unternehmen
Dass sich die Situation in den kommenden Jahren verändern könnte, hält Patrick Leisibach von Avenir Suisse für möglich. Der Experte geht davon aus, dass die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf den Arbeitsmarkt teilweise erst noch sichtbar werden.
Aktuell sei der Druck auf viele Berufe noch nicht vollständig angekommen. Gleichzeitig warnt Leisibach davor, langfristige Entwicklungen zu sicher vorherzusagen. Frühere Prognosen über die Zukunft einzelner Berufe hätten sich teilweise ebenfalls als falsch erwiesen.
Die Unsicherheit unter Jugendlichen ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für einen Einbruch bei bestimmten Lehrberufen. Vielmehr beobachten viele junge Menschen die technologische Entwicklung und versuchen einzuschätzen, welche Fähigkeiten künftig gefragt sein werden.
Gerade diese Anpassungsfähigkeit könnte bei der Berufswahl wichtiger werden. Ein Berufsabschluss sei nicht zwingend eine Garantie dafür, über Jahrzehnte dieselben Tätigkeiten ausüben zu können. Entscheidend könne vielmehr die Bereitschaft sein, sich während des Berufslebens weiterzubilden.
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KV-Lehre wird digitaler
Auch die kaufmännische Ausbildung selbst hat sich bereits verändert. Mit der KV-Reform 2023 wurden die Ausbildungsinhalte stärker an die Digitalisierung und die veränderten Anforderungen der Arbeitswelt angepasst.
Chantal Donzé, Präsidentin des Schweizerischen Verbands der Lehrerinnen und Lehrer an kaufmännischen Berufsschulen, sieht darin eine notwendige Weiterentwicklung. Die KV-Lehre sei dadurch nicht einfacher geworden, sondern stelle teilweise andere Anforderungen an die Lernenden.
Gefragt sind zunehmend digitale Kompetenzen, selbstständiges Arbeiten und die Fähigkeit, Informationen einzuordnen und anzuwenden. Gerade diese Fähigkeiten könnten im Umgang mit KI wichtiger werden, wenn Routineaufgaben zunehmend automatisiert werden.
Damit könnte sich auch die Rolle von Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern verändern. Statt einfache administrative Tätigkeiten selbst auszuführen, könnten sie künftig häufiger KI-Systeme einsetzen, Ergebnisse kontrollieren und komplexere Aufgaben übernehmen.
Handwerk und Pflege bleiben gefragt
Während bei bestimmten Büroberufen die Auswirkungen der KI besonders intensiv diskutiert werden, gelten Berufe mit einem hohen Anteil an praktischer Arbeit weiterhin als weniger leicht automatisierbar. Dazu gehören beispielsweise verschiedene Handwerksberufe oder Tätigkeiten in der Pflege.
Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Berufe vollständig vor technologischen Veränderungen geschützt sind. Auch dort können digitale Systeme und künstliche Intelligenz einzelne Aufgaben übernehmen oder Arbeitsabläufe verändern.
Für Jugendliche ergibt sich daraus eine zunehmend komplexe Berufswahl. Nicht nur die Frage nach dem heutigen Lehrstellenangebot ist entscheidend, sondern auch die Fähigkeit eines Berufs, sich an technologische Veränderungen anzupassen.
Noch zeigen die Zahlen des Schweizer Lehrstellenmarktes keine grosse Verschiebung weg von kaufmännischen Berufen. Ob das so bleibt, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist bereits heute: Die künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt – und damit auch die Anforderungen an die nächste Generation von Berufstätigen.






