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Ist das Völkerrecht nichts mehr wert? Ein Jura-Professor widerspricht

Völkerrechtler Michael Riegner erklärt, warum internationales Recht trotz Verstössen Bestand hat

by Daniel Lüdi
Samstag, 10. Januar 2026 um 13:48
in Top News
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Die Skulptur einer verknoteten Pistole gilt als Symbol für das Ziel der Weltgemeinschaft, Kriege zu beenden und zu verhindern. © IMAGO/photothek/Thomas Trutschel

Die Skulptur einer verknoteten Pistole gilt als Symbol für das Ziel der Weltgemeinschaft, Kriege zu beenden und zu verhindern. © IMAGO/photothek/Thomas Trutschel

Nach US-Operation in Venezuela: Warum internationales Recht weiter gilt

Hat das Völkerrecht ausgedient?
Nach der umstrittenen US-Militäroperation in Venezuela, die von vielen Experten als klarer Verstoss gegen internationale Regeln bewertet wird, mehren sich Zweifel am Zustand der globalen Rechtsordnung. Doch der Erfurter Völkerrechtler Michael Riegner hält dagegen: Das Völkerrecht funktioniere weiterhin – auch wenn es unter Druck stehe.

Die Charta der Vereinten Nationen und ihre Realität

Mit der UN-Charta von 1945 wollte die Weltgemeinschaft künftige Kriege verhindern und Konflikte friedlich lösen. Das Gewaltverbot und das Interventionsverbot bilden bis heute das Fundament dieser Ordnung.

Dennoch häufen sich Verstösse:

  • Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine

  • die US-Operation in Venezuela

  • weitere militärische Interventionen der letzten Jahrzehnte

Ist das Völkerrecht damit zum Papiertiger geworden?

„Ein Rechtsbruch schafft das Recht nicht ab“

Michael Riegner, Professor für Völkerrecht an der Universität Erfurt, widerspricht dieser Schlussfolgerung entschieden. Zwar sei das Vorgehen der USA in Venezuela klar völkerrechtswidrig, doch daraus folge nicht die Wertlosigkeit des gesamten Systems.

„Ein Rechtsbruch schafft das Recht nicht ab – das gilt auch für das Völkerrecht“, betont Riegner.

Laut gmx.net verweist der Jurist darauf, dass der überwiegende Teil internationaler Regeln weiterhin eingehalten werde – oft unbemerkt.

Wo das Völkerrecht täglich funktioniert

Riegner nennt konkrete Beispiele für die „geräuschlose Wirksamkeit“ des Völkerrechts:

  • internationaler Post- und Flugverkehr

  • globaler Handel

  • funktionierende Mobilfunk- und Kommunikationsnetze

  • Schutz diplomatischer Vertretungen durch das Wiener Übereinkommen

„Mit dem Völkerrecht ist es wie mit dem Strom: Man merkt erst, wie wichtig es ist, wenn es ausfällt.“

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Problemzone Krieg und Frieden

Besonders kritisch sei die Lage bei zentralen Normen wie dem Gewaltverbot. Hier beobachtet Riegner eine schleichende Erosion. Dennoch ignorierten selbst Grossmächte das Recht nicht völlig.

Stattdessen:

  • liefern sie rechtliche Rechtfertigungen

  • konstruieren Begründungen

  • rechtfertigen sich öffentlich

Allein diese Rechtfertigungspflicht zeige, dass das Völkerrecht weiterhin normative Kraft habe.

Keine Weltpolizei – aber politischer Druck

Ein strukturelles Problem bleibt die fehlende Durchsetzung:

  • keine Weltpolizei

  • kein allzuständiges Weltgericht

  • Blockaden im UN-Sicherheitsrat durch Vetos

Doch es existieren andere Instrumente:

  • diplomatische Sanktionen

  • wirtschaftlicher Druck

  • öffentliche Kritik („Naming and Shaming“)

Riegner betont: Verstösse müssen klar benannt werden, sonst verliere das Recht langfristig an Wirkung.

Kritik an deutscher Zurückhaltung

Besonders deutlich wird der Jurist bei der Rolle Deutschlands. Schweigen oder Lavieren bei klaren Rechtsbrüchen – etwa im Fall Venezuela – schade dem Völkerrecht.

„Öffentliche Kritik ist keine Symbolpolitik, sondern Rechtspflege.“

Völkerstrafrecht: Fortschritt mit Grenzen

Zwar gibt es internationale Strafverfahren gegen Einzelpersonen, doch die Durchsetzung ist selektiv. Grossmächte entziehen sich oft der Gerichtsbarkeit. Trotzdem sieht Riegner Fortschritte:

  • Ermittlungen zu Afghanistan und Palästina

  • Haftbefehl gegen Wladimir Putin

Auch wenn Verhaftungen unwahrscheinlich seien, stärke allein der Haftbefehl den Geltungsanspruch des Rechts.

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