Die Strategie Irans, den Öltransport durch die Strasse von Hormus als Druckmittel gegenüber den USA einzusetzen, verliert offenbar an Wirkung. Die Ölexporte der Golfstaaten erholen sich deutlich. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass Teheran auf eine militärische Eskalation setzen könnte, um seine Verhandlungsposition wieder zu stärken.
Die Lage rund um die Strasse von Hormus verändert sich. Iran konnte die strategisch wichtige Meerenge bislang nutzen, um erheblichen Druck auf die internationalen Energiemärkte und damit indirekt auf die USA auszuüben.
Doch dieses Druckmittel scheint zunehmend an Wirkung zu verlieren.
Die US-Marine und die ölproduzierenden Golfstaaten haben ihre Möglichkeiten verbessert, iranischen Angriffen auszuweichen oder deren Auswirkungen zu begrenzen. Gleichzeitig werden alternative Exportrouten stärker genutzt.
Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler erreichten die Öllieferungen durch die Strasse von Hormus und über alternative Routen zuletzt wieder knapp 80 Prozent des Niveaus vor dem Krieg.
Ölexporte steigen wieder deutlich
Die Rohölexporte wichtiger Produzenten im Nahen Osten, darunter Saudi-Arabien, Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate, sind im September auf fast 13 Millionen Barrel pro Tag gestiegen.
Damit haben die Exporte den höchsten Stand seit Februar erreicht.
Vor Beginn des Krieges wurden aus der Region allerdings noch knapp 19 Millionen Barrel täglich exportiert.
Eine wichtige Rolle spielen dabei alternative Transportwege. Saudi-Arabien hat beispielsweise seine Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb genommen. Über diese Pipeline kann Öl vom Osten des Landes zum Hafen Yanbu am Roten Meer transportiert werden – ohne die Strasse von Hormus passieren zu müssen.
Iran gerät selbst unter wirtschaftlichen Druck
Während sich die Exportsituation der Golfstaaten verbessert, verschlechtert sich die Lage für Iran.
Seit die USA im Juli ihre Blockade iranischer Häfen wieder eingeführt haben, kann Teheran nach Angaben des Wall Street Journal kein eigenes Rohöl mehr durch die Strasse von Hormus exportieren.
Iran greift deshalb unter anderem auf bereits ausserhalb der Blockade gelagerte Ölvorräte zurück.
Nach Schätzungen von Kpler könnten diese Reserven bereits Mitte Oktober weitgehend aufgebraucht sein.
Damit verliert Iran nicht nur Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Gleichzeitig nimmt auch die Wirksamkeit eines seiner wichtigsten strategischen Druckmittel gegenüber Washington ab.
Gefahr einer militärischen Eskalation
Genau diese Entwicklung sorgt bei Beobachtern für neue Sorgen.
Sollte Iran mit der Behinderung des Ölverkehrs durch die Strasse von Hormus keine ausreichenden politischen Zugeständnisse mehr erreichen, könnte Teheran versuchen, seine Verhandlungsposition auf anderem Weg zu stärken.
Eine mögliche militärische Eskalation gehört zu den diskutierten Risikoszenarien.
Bislang gibt es jedoch keinen Beleg dafür, dass die iranische Führung bereits eine entsprechende Entscheidung getroffen hat.
Die Situation bleibt deshalb schwer vorhersehbar: Einerseits funktioniert der internationale Öltransport zunehmend besser, andererseits steigt der wirtschaftliche und politische Druck auf Iran.
USA und Iran bei Verhandlungen weit auseinander
Parallel dazu laufen diplomatische Bemühungen um eine Waffenruhe und eine vollständige Wiederöffnung der Strasse von Hormus.
Eine schnelle Einigung zeichnet sich bislang nicht ab.
Nach Berichten amerikanischer Medien hatte Iran unter anderem eine zeitlich begrenzte Waffenruhe und die Wiederöffnung der Meerenge vorgeschlagen. Im Gegenzug sollten die USA ihre Blockade iranischer Häfen lockern.
Washington akzeptierte diesen Vorschlag nicht.
Auch beim iranischen Atomprogramm bestehen weiterhin erhebliche Differenzen zwischen beiden Seiten.
Ölpreis bleibt über 100 Dollar
Die Unsicherheit macht sich unmittelbar an den Rohstoffmärkten bemerkbar.
Der Preis für die Nordseesorte Brent stieg am Dienstag zeitweise wieder auf rund 107 USDollar je Barrel. Auch der amerikanische Ölpreis WTI bewegte sich bei rund 94 Dollar.
Damit bleibt Energie ein bedeutender Risikofaktor für die Weltwirtschaft.
Sollte sich die Lage militärisch erneut verschärfen und der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus wieder stärker beeinträchtigt werden, könnten die internationalen Öl- und Treibstoffmärkte erneut unter Druck geraten.
Umgekehrt könnte eine diplomatische Einigung mit einer vollständigen Wiederöffnung der Meerenge einen Teil der geopolitischen Risikoprämie aus dem Ölpreis nehmen.
Strasse von Hormus bleibt entscheidend für den Weltmarkt
Trotz der verbesserten alternativen Transportmöglichkeiten bleibt die Strasse von Hormus eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt.
Rund ein Fünftel der weltweiten Erdölströme passiert normalerweise die Meerenge zwischen Iran und Oman.
Die jüngste Entwicklung zeigt allerdings, dass die Golfstaaten ihre Abhängigkeit von dieser Route zumindest teilweise reduzieren können.
Damit verändert sich auch das strategische Kräfteverhältnis.
Für Iran entsteht ein schwieriges Dilemma: Je besser es den Golfstaaten und den USA gelingt, die Auswirkungen der Einschränkungen in Hormus zu kompensieren, desto geringer wird der politische Nutzen dieses Druckmittels.
Ob diese Entwicklung den Weg zu einer diplomatischen Lösung erleichtert oder stattdessen die Gefahr einer neuen militärischen Eskalation erhöht, dürfte eine der entscheidenden Fragen der kommenden Wochen werden.






