Fast eine Woche nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya ist das Ausmass der Katastrophe weiterhin unklar. In Nepal gelten fast 4’600 Menschen als vermisst, in Tibet weitere rund 550. Gleichzeitig erschweren fehlende Namenslisten und die schwierige Identifizierung der Opfer die Suche. Experten warnen zudem vor steigenden Gesundheitsrisiken.
Eine gewaltige Flut aus Wasser, Eis, Schlamm und Geröll hatte vor knapp einer Woche Teile des Himalaya-Grenzgebiets zwischen Nepal und Tibet verwüstet. Zahlreiche Dörfer wurden zerstört, viele Menschen verloren ihr Leben oder werden weiterhin vermisst.
In Nepal wurden inzwischen mehr als 1’000 Todesopfer registriert. China meldete zuletzt 16 Tote auf der tibetischen Seite. Wie hoch die tatsächliche Opferzahl ist, lässt sich derzeit jedoch nur schwer abschätzen.
Laut GMX gelten insgesamt mehr als 5’100 Menschen als vermisst. Die jüngste Statistik der nepalesischen Polizei nennt fast 4’600 Vermisste in Nepal, während auf tibetischer Seite knapp 550 Menschen als vermisst gemeldet wurden.
Fehlende Namenslisten erschweren die Suche
Die offiziellen Zahlen sind weiterhin vorläufig. Der nepalesische Polizeisprecher Abi Narayan Kafle erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass keine vollständigen Namenslisten vorlägen.
Viele Informationen würden telefonisch von Angehörigen, Freunden und Bekannten übermittelt. Eine vollständige Erfassung aller Vermissten werde deshalb noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Zusätzlich erschwert die Art der gefundenen Überreste die Identifizierung. Von zahlreichen Todesopfern konnten den Angaben zufolge nur Knochenfragmente oder einzelne Leichenteile geborgen werden.
Eine Identifizierung soll jedoch auch in diesen Fällen möglich sein. Nach Angaben der Behörden können DNA-Analysen dabei helfen, die sterblichen Überreste den vermissten Personen zuzuordnen. Für die Angehörigen könnte dies später auch bei den Bestattungsriten von grosser Bedeutung sein.
Gesundheitsrisiken nehmen zu
Während die Chancen sinken, noch Vermisste lebend zu finden, wächst eine weitere Gefahr: Krankheiten könnten sich in den betroffenen Gebieten ausbreiten.
Mitarbeitende der Hilfsorganisation Save the Children berichten von schwierigen hygienischen Bedingungen. Entlang einer wichtigen Strasse zwischen Kathmandu und Trishuli Bazar liegen demnach Leichensäcke. Verwesende menschliche und tierische Überreste, Abfälle und stehendes Wasser erhöhen das Gesundheitsrisiko.
Besonders problematisch ist die Situation bei der Trinkwasserversorgung. Viele Wasserquellen wurden durch Schlamm und Schutt verunreinigt. Weitere Überschwemmungen könnten Abwässer und Fäkalien in noch nutzbare Trinkwasserquellen spülen.
In Notunterkünften werden laut der Hilfsorganisation bereits Kinder mit Fieber und Atemwegsinfektionen behandelt. Besonders gefürchtet sind Durchfallerkrankungen wie Cholera sowie Hautinfektionen. Auch Dengue-Fieber stellt wegen des stehenden Wassers eine zusätzliche Gefahr dar.
Auch Ausländer werden weiterhin vermisst
Die Sturzflut wurde nach bisherigen Erkenntnissen durch einen Gletscherabbruch ausgelöst. Die Wassermassen rissen Wasser, Eis, Schlamm und Geröll mit sich und zerstörten zahlreiche Gebäude und Verkehrswege.
Auch von vielen ausländischen Besucherinnen und Besuchern fehlt weiterhin jede Spur. Das deutsche Auswärtige Amt spricht von mehreren vermissten Deutschen, verfügt nach eigenen Angaben aber noch nicht über einen vollständigen Überblick.
Die nepalesischen Behörden gehen von acht vermissten Deutschen aus. Aus Österreich wurden dagegen keine Vermissten gemeldet. Eine Schweizerin war zwischenzeitlich nicht erreichbar, konnte jedoch inzwischen lebend gefunden werden.
Die Frau schilderte später, wie sie gemeinsam mit ihren Mitreisenden vor der Flut fliehen musste. Sie und die anderen rannten demnach über eine Treppe auf höheres Gelände und bewegten sich anschliessend teilweise auf allen vieren weiter.
Eine vierköpfige Familie aus Bayern hatte ebenfalls Glück. Sie konnte in den Tagen nach der Katastrophe gerettet und mit einem Hubschrauber aus dem betroffenen Gebiet gebracht werden.
Hunderte Arbeiter in Tunneln vermutet
Mit zunehmender Zeit erreichen die Rettungskräfte auch abgelegene Gebiete. Während die ersten Suchaktionen vor allem mit Helikoptern durchgeführt wurden, versuchen Helfer inzwischen auch zu Fuss, schwer zugängliche Regionen im Gebirge zu erreichen.
Das Ausmass der Zerstörung zeigt sich dabei immer deutlicher. In der besonders stark betroffenen Stadt Betrawati wurden beispielsweise in einem einzigen Gebäude 24 Leichen entdeckt. Acht davon konnten bereits geborgen werden, 16 weitere sollten noch geborgen werden.
Besonders grosse Sorge besteht um rund 900 vermisste Arbeiter. Sie werden in Tunnelsystemen zerstörter Wasserkraftanlagen vermutet.
Nach Angaben eines Branchenverbands wurden zwölf Wasserkraftanlagen von der Flut getroffen. Einige befanden sich noch im Bau, andere waren bereits in Betrieb. Spezialisten aus Indien und China unterstützen nepalesische Einsatzkräfte nun dabei, die verschütteten Tunnel zu öffnen.
Kritik an Informationspolitik in Tibet
Auch die Informationslage auf der tibetischen Seite sorgt für Kritik. Menschenrechtsorganisationen werfen den chinesischen Behörden vor, unabhängigen Journalisten den Zugang zum Katastrophengebiet zu verwehren.
Human Rights Watch kritisierte, dass Journalisten nicht frei in die betroffenen Gebiete reisen könnten und Interviews mit betroffenen Familien eingeschränkt würden. Zudem seien Menschen wegen der Verbreitung angeblicher Falschinformationen zur Katastrophe belangt worden.
Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker sprach von einer Informationsblockade und forderte einen ungehinderten Zugang für unabhängige Medien und humanitäre Organisationen.
Videos, die das Ausmass der Zerstörung auf tibetischer Seite zeigten, seien nach Angaben der Organisation teilweise wieder von chinesischen Online-Plattformen verschwunden. Unabhängige Berichte aus der Region sind deshalb weiterhin nur begrenzt verfügbar.
Für eine Einreise nach Tibet benötigen ausländische Journalistinnen und Journalisten seit Jahren eine Sondergenehmigung der chinesischen Regierung. Aus dem Katastrophengebiet berichten daher bislang vor allem staatliche chinesische Medien.
Während die Sucharbeiten in Nepal weiterlaufen und die Behörden versuchen, die Vermisstenlisten zu vervollständigen, bleibt das tatsächliche Ausmass der Katastrophe offen. Neben der Suche nach Überlebenden rückt zunehmend auch die Versorgung der betroffenen Bevölkerung und die Vermeidung von Krankheitsausbrüchen in den Mittelpunkt.






