Nach dem schweren Erdbeben in Kolumbien sind abgelegene Gemeinden an der Pazifikküste teilweise nur aus der Luft erreichbar. Der Deutsche Gerhard Thyben bringt mit einem kleinen Propellerflugzeug Medikamente und weitere Hilfsgüter nach Pizarro im Departamento Chocó. Von dort werden die Lieferungen in schwer erreichbare Gebiete weitertransportiert.
Unter der einmotorigen Propellermaschine von Gerhard Thyben liegt dichter Regenwald. An Bord befinden sich Medikamente, Windeln und Toilettenpapier für Menschen, die nach dem schweren Erdbeben dringend Unterstützung benötigen. Das Ziel ist Pizarro, ein abgelegenes Fischerdorf im Departamento Chocó nahe dem Epizentrum.
Thyben, ehemaliger Honorarkonsul und Vorstandsmitglied der Deutschen Schule in Cali, fliegt die Hilfsgüter selbst in die schwer erreichbaren Regionen. Für den 70-Jährigen verbindet der Einsatz seine Erfahrung als Pilot mit der Möglichkeit, Menschen in abgelegenen Gemeinden zu unterstützen.
«Ich kann meine Leidenschaft zum Fliegen hier voll ausnutzen und an die verschiedensten Orte kommen, die völlig abgeschnitten sind», sagte Thyben der Deutschen Presse-Agentur. Die Hilfe gebe ihm eine «unheimliche Genugtuung».
Schäden in Pizarro sind begrenzt
Kurz nach dem Start erreicht die Maschine Pizarro. Das Dorf liegt an der Pazifikküste in einer der niederschlagsreichsten Regionen der Welt. Zwischen einfachen, überwiegend einstöckigen Häusern verlaufen unbefestigte Wege, dahinter beginnt der dichte Regenwald.
Laut GMX, das sich auf Angaben der Deutschen Presse-Agentur beruft, wurden in Pizarro mehrere Gebäude durch das Erdbeben beschädigt. An Häusern sind Risse zu sehen. Die Schäden fallen allerdings weniger schwer aus als in besonders betroffenen Städten wie Cali und anderen Orten der Region.
«Pizarro selbst ist ja nicht so in Mitleidenschaft gezogen worden, aber es gab zwei Tote», berichtet Thyben. Ein Grund für die vergleichsweise begrenzten Schäden könnte die Bauweise sein: In dem Ort gibt es überwiegend kleine, einstöckige Häuser und nur wenige grössere Gebäude.
Für die Bevölkerung bleibt das Erdbeben dennoch präsent. Der Bewohner Alexander Moreno erinnert sich an die Panik unmittelbar nach den Erschütterungen. Die Menschen seien verzweifelt losgerannt, um ihre Familien zu suchen. Er selbst habe zunächst nicht gewusst, ob er bei seinen Eltern bleiben oder zur Schule fahren solle, um seine Kinder abzuholen.
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Abgeschnitten vom Strassennetz
Pizarro liegt an der Mündung des Río Baudó direkt am Pazifik. Wer von dort nach Buenaventura gelangen möchte, muss mehrere Stunden mit dem Boot zurücklegen. Eine Strassenverbindung gibt es nicht.
Diese geografische Lage erschwert die Versorgung nach einer Naturkatastrophe erheblich. Von Pizarro aus werden die Hilfsgüter deshalb auch in weitere betroffene ländliche Gebiete gebracht. Von dort gelangen sie teilweise per Boot oder Motorrad zu den Menschen.
Die gesamte Pazifikregion ist schwer zugänglich. Hinter der Küste erstrecken sich dichter Regenwald und hohe Berge. Der Bau von Strassen ist in vielen Bereichen schwierig oder kaum möglich.
Auch die Hilfsflüge stellen die Piloten vor Herausforderungen. Thyben fliegt mit einer einmotorigen Maschine durch teilweise bergiges Gelände. «Es ist nicht ungefährlich», sagt er. Mit dem kolbengetriebenen Motor sei man in den Bergen «immer am Limit».
Thyben erlebte das Erdbeben selbst
Der Pilot kennt die Folgen des Bebens auch aus persönlicher Erfahrung. In Cali erlebte er die Erschütterungen selbst. Zunächst habe das Beben vergleichsweise schwach begonnen, bevor es deutlich stärker wurde.
Menschen im Haus hätten geschrien und angefangen zu beten. Thyben ging nach eigenen Angaben in den Garten. Nebenan schwankten Hochhäuser, während Putz von den Fassaden fiel.
Besonders beeindruckt habe ihn die Dauer des Bebens. «Zwei Minuten, wenn die Erde bebt, da dreht man durch, das ist wie eine Ewigkeit», beschreibt er die Situation.
Das tatsächliche Ausmass der Schäden wurde ihm erst später bewusst, als er durch Cali fuhr. Je weiter er nach Süden kam, desto gravierender wurde die Zerstörung. Gebäude waren stark beschädigt oder vollständig eingestürzt.
Der in Cali geborene Thyben hat bereits mehrere Erdbeben erlebt. Dieses Ereignis habe ihm jedoch besonders deutlich vor Augen geführt, wie verletzlich das Leben sein könne. Auch die Deutsche Schule in Cali, an der er engagiert ist, wurde nach seinen Angaben beschädigt und benötigt Unterstützung.
Ein Netzwerk für abgelegene Gemeinden
Die Hilfsflüge organisiert Thyben gemeinsam mit der Patrulla Aérea Civil del Pacífico, der Zivilen Luftpatrouille des Pazifikraums. Die Organisation besteht seit Jahrzehnten und entstand ursprünglich unter anderem zur Suche nach abgestürzten Flugzeugen.
Heute stellen private Flugzeugbesitzer ihre Maschinen zur Verfügung, um Menschen in schwer erreichbaren Regionen zu unterstützen. Nach dem Erdbeben werden über das Netzwerk Spender, Hilfsorganisationen, Ärzte und Piloten zusammengebracht.
Dabei wird zunächst ermittelt, welche Gemeinden welche Unterstützung benötigen. Anschliessend werden Medikamente und andere wichtige Güter dorthin transportiert. Von den jeweiligen Orten aus übernehmen lokale Helfer die weitere Verteilung.
Für Thyben ist dieser Einsatz auch persönlich wichtig. Nach einem Hilfsflug bleibe das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Gleichzeitig denke er bereits an den nächsten Tag und daran, was zusätzlich getan werden könne.
Pizarro ist dabei nur eines von vielen abgelegenen Gebieten an Kolumbiens Pazifikküste. Solange Strassen fehlen und die Wege durch Regenwald und Berge nur schwer passierbar sind, bleiben Hilfsflüge ein wichtiger Bestandteil der Versorgung der betroffenen Bevölkerung.






