Drei von vier Schweizerinnen und Schweizern fahren mindestens einmal pro Jahr ins Ausland zum Einkaufen. Deutschland kämpft nun mit einer neuen App darum, diese Kunden zu halten. Und der Schweizer Detailhandel schlägt Alarm: Die Freigrenze soll von 150 auf 50 Franken gesenkt werden. Ein Streit, der alle betrifft.
Das Wichtigste in Kürze
- Deutschland testet aktuell die App dAKZ für die digitale MwSt-Rückerstattung – statt Abstempeln am Zollschalter
- Rund 200 Zollbeamte an der Schweizer Grenze stempeln heute täglich nichts als Einkaufszettel
- Schweizer Einkaufstouristen geben jährlich 2,5 Milliarden Euro im südlichen BadenWürttemberg aus
- Ein Drittel aller Kunden in Grenznähe zu Deutschland kommt aus der Schweiz
- Der Schweizer Detailhandel fordert eine Senkung der Freigrenze von 150 auf 50 Franken
- Die 50-Euro-Bagatellgrenze in Deutschland bleibt vorerst bestehen – Berlin hat den Plan zur Abschaffung gestoppt
- Bereits mit der App: Lidl und mehrere weitere Grenzgeschäfte in der Pilotphase
Warum Grenzshopping so attraktiv ist
Das Rezept ist simpel: Der Franken ist stark, die Preise in Deutschland sind tiefer, und obendrauf gibt es bis zu 19 Prozent Mehrwertsteuer zurück. Für einen Einkauf von 200 Euro in Konstanz bedeutet das: rund 38 Euro Rückerstattung – bezahlt vom deutschen Fiskus.
Kein Wunder, pilgern Millionen Schweizer jedes Jahr über die Grenze. 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung tut das mindestens einmal jährlich. Das Ergebnis: In der deutschen Grenzregion stammt jeder dritte Kunde aus der Schweiz – Tendenz stabil.
Der Haken bisher: Wer die Mehrwertsteuer zurückwollte, musste einen Zettel ausfüllen, am Zoll abstempeln lassen und hoffen, nicht zu lange in der Schlange zu stehen. Eine Frau aus der Grenzregion erzählte SRF von 35 bis 40 Minuten Wartezeit am Zollschalter – bei jedem Einkauf.
Die neue App: dAKZ revolutioniert das Grenzshopping
Deutschland hat genug vom Zettelkrieg. Der deutsche Zoll hat die App dAKZ entwickelt – und testet sie aktuell in der Pilotphase mit Lidl und weiteren Grenzläden.
So funktioniert es:
- Die Kundin registriert sich einmalig in der App
- Das Verkaufspersonal scannt den Barcode in der App
- Nach der Ausreise in die Schweiz wird die Mehrwertsteuer automatisch zurückerstattet – kein Stempel, kein Schalter, kein Warten
Für den deutschen Zoll ist das eine Erlösung: Aktuell setzt das Hauptzollamt Lörrach rund 200 Beschäftigte entlang der Schweizer Grenze ein – die ausschliesslich Ausfuhrbelege stempeln. Diese Ressourcen können künftig sinnvoller eingesetzt werden.
Die App ist noch nicht reibungslos: Beim Selbstversuch eines SRF-Reporters wollte die App zunächst nicht so recht funktionieren – erst nach mehreren Versuchen gelang die Grenzüberquerung korrekt. Wann die offizielle Lancierung kommt, ist noch offen.
Der Streit ums Kleingedruckte: Was ist mit der 50-EuroGrenze?
Eigentlich sollte die neue App auch das Ende der 50-Euro-Bagatellgrenze bringen. Diese Grenze besagt: Wer in Deutschland für weniger als 50 Euro einkauft, bekommt gar keine Mehrwertsteuer zurück.
Geplant war: Mit der App fällt diese Grenze – jeder Kauf, egal wie klein, würde steuerbefreit. Das hätte Einkaufstourismus auch für Alltagseinkäufe noch attraktiver gemacht.
Berlin hat diesen Plan nun gestoppt. Das Bundesfinanzministerium arbeitet an einem Gesetzentwurf, der die 50-Euro-Grenze beibehält. Für Schweizer Einkaufstouristen ändert sich damit vorerst nichts – ausser, dass die Warteschlange am Zoll wegfällt.
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Was der Schweizer Detailhandel fordert
Für den Schweizer Detailhandel ist jeder Einkauf über die Grenze ein verlorener Kunde. Die Zahlen sind schmerzhaft: Jährlich fliessen durch den Einkaufstourismus mehrere Milliarden Franken ins Ausland ab.
Der Bundesrat hatte 2025 bereits reagiert und die Zollfreigrenze von 300 auf 150 Franken halbiert. Wer also heute für 160 Franken in Deutschland einkauft, muss beim Grenzübertritt Schweizer Mehrwertsteuer zahlen.
Das reicht dem Handel bei weitem nicht. Matthias Hotz, Präsident der Vereinigung der Thurgauer Fachgeschäfte TGshop, macht seinen Forderungen klaren Ausdruck: «Die Wertfreigrenze sollte auf 50 Franken oder sogar null Franken heruntergesetzt werden, damit man nicht steuerbefreit im Ausland einkaufen kann. Das ist nicht fair. Das gibt eine Wettbewerbsverzerrung. So haben wir nicht gleich lange Spiesse.»
Auch der Verband der Detailhandelsunternehmen fordert tiefere Grenzen: «Das heutige System setzt nicht nur falsche Anreize, sondern subventioniert faktisch den ausländischen Detailhandel.»
Was die HSG-Studie sagt
Die tiefere Freigrenze hat bisher wenig gebracht – im Gegenteil. Die EinkaufstourismusStudie der Universität St. Gallen zeigt: Wer über die Grenze fährt, tut es jetzt öfter und gibt pro Trip mehr aus. Die Senkung der Grenze hat das Verhalten nicht grundlegend verändert – sie hat es teilweise sogar angeheizt.
Der Grund: Der starke Franken und die Mehrwertsteuer-Rückerstattung überwiegen die Schweizer Abgabe von 8,1 Prozent bei weitem. Wer einmal im Einkaufszentrum Lago in Konstanz war, findet schnell Wege, die Grenze clever zu nutzen.
Wer profitiert – und wer verliert
| Gruppe | Situation |
|---|---|
| Schweizer Einkaufstourist | Profitiert: App macht MwSt-Rückerstattung einfacher |
| Schweizer Detailhandel | Verliert: Fordert tiefere Freigrenze |
| Deutscher Grenzhandel | Profitiert: Einkauf wird attraktiver durch App |
| Schweizer Zoll | Neutral: QuickZoll-App vereinfacht Verzollung |
| Bund (Bundesrat) | Ambivalent: Will Grenze senken, aber Stau vermeiden |
Der Preisüberwacher hält dagegen
Nicht alle finden die Forderung nach tieferer Freigrenze gut. Der Schweizer Preisüberwacher warnt: Eine weitere Einschränkung des Grenzeinkaufs bekämpfe das Symptom, nicht die Ursache. Die eigentliche Lösung sei, die Preise in der Schweiz zu senken.
«Die Hochpreisinsel Schweiz bekämpft man nicht mit höheren Grenzen, sondern mit mehr Wettbewerb im Inland», lautet das Argument. Einkaufstourismus sei nicht das Problem – er sei das Symptom.
Was bedeutet das konkret für dich?
Ab sofort (Pilotphase): In bestimmten Läden (Lidl und weitere) kannst du die App dAKZ testen und die MwSt ohne Stempelzettel zurückfordern.
Sobald die App offiziell ist: Kein Anstehen am Zollschalter mehr für die MwStRückerstattung.
Die 50-Euro-Grenze bleibt: Kleinere Einkäufe unter 50 Euro pro Geschäft bleiben von der Rückerstattung ausgenommen.
Schweizer Freigrenze: Wer für über 150 Franken einkauft, zahlt beim Grenzübertritt Schweizer MwSt von 8,1 Prozent – deklarierbar via QuickZoll-App.
Fazit: Der Kampf um den Schweizer Einkaufswagen ist nicht vorbei
Die neue App macht das Grenzshopping einfacher. Der Schweizer Detailhandel kämpft dagegen an – mit politischem Druck auf Bern. Berlin hält dagegen – mit Händlerhilfen und digitaler Infrastruktur. Und die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten stehen in der Mitte.
Wer gewinnt? Vorläufig: Die, die einkaufen gehen. Denn 2,5 Milliarden Euro jährlich sprechen eine klare Sprache.
Solange Preise in der Schweiz höher sind als im Ausland, fährt der Einkaufswagen über die Grenze. App hin oder her.






