Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert für 2027 eine generelle Lohnerhöhung von 2,5 Prozent. Begründet wird die Forderung mit der anhaltenden Teuerung, steigenden Krankenkassenprämien und einer aus Sicht der Gewerkschaften zu schwachen Lohnentwicklung. Der Arbeitgeberverband widerspricht und hält die Argumentation für nicht stichhaltig.
Die Gewerkschaften wollen, dass die Löhne im kommenden Jahr generell um 2,5 Prozent steigen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) verweist dabei insbesondere auf die Entwicklung der Reallöhne und der Arbeitsproduktivität.
Nach Ansicht des SGB sind die Löhne in den vergangenen Jahren nicht ausreichend mit der Produktivität gestiegen. Unia-Präsidentin Vania Alleva sagt, der mittlere Lohn wäre heute monatlich rund 500 Franken höher, wenn er im vergangenen Jahrzehnt im gleichen Ausmass wie die Produktivität gewachsen wäre.
Der Arbeitgeberverband weist diese Darstellung zurück. Er kritisiert die Berechnungen der Gewerkschaften und spricht von bekannten Argumenten, die pünktlich zum jährlichen Lohnherbst wieder vorgebracht würden.
Inflation und Krankenkassen belasten Haushalte
Für die Gewerkschaften ist insbesondere die Kaufkraft ein zentraler Punkt. Die Eidgenössische Finanzverwaltung rechnet für 2026 und 2027 mit einer Inflation von jeweils rund 0,6 Prozent.
Damit steigen die Preise weiter, auch wenn die Teuerung im historischen Vergleich relativ tief bleibt. Gleichzeitig verweist der SGB auf die Belastung durch die Krankenkassenprämien.
Die mittlere Krankenkassenprämie liegt laut Gewerkschaftsbund bei knapp 5600 Franken pro Jahr. Für mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden entspreche dies mehr als einem Monatslohn. Für 2027 wird zudem mit einem weiteren Anstieg der Prämien gerechnet.
Die Lohnentwicklung war insbesondere während der Covid-Jahre schwach. 2025 stiegen die Nominallöhne laut Bundesamt für Statistik zwar um 1,8 Prozent. Unter Berücksichtigung der Teuerung liegt die Entwicklung laut SGB jedoch nur knapp über dem Niveau von 2016.
Gewerkschaften sehen Produktivitätsgewinne nicht bei den Beschäftigten
Der SGB argumentiert, dass die Arbeitnehmenden stärker am wirtschaftlichen Fortschritt beteiligt werden müssten. Die Löhne sollten mindestens die Teuerung und die steigenden Prämien ausgleichen.
Darüber hinaus fordert der Gewerkschaftsbund einen zusätzlichen Kaufkraftgewinn. Über die Kompensation der Teuerung hinaus sollten die Löhne nach seiner Vorstellung um mindestens ein Prozent stärker steigen als die Preise.
Auch bei den tiefen Einkommen sieht der SGB Handlungsbedarf. Rund ein Drittel der Beschäftigten mit Lehrabschluss verdiene weniger als 5000 Franken im Monat, kritisiert der Verband.
Daraus leitet der SGB die Forderung ab, dass Personen mit einem Lehrabschluss künftig mindestens 5000 Franken verdienen sollen. Die Forderung dürfte insbesondere bei den anstehenden Lohnverhandlungen für unterschiedliche Branchen eine Rolle spielen.
Arbeitgeberverband widerspricht der Analyse
Der Arbeitgeberverband hält die Darstellung der Gewerkschaften für falsch. Nach seiner Einschätzung ist insbesondere die Behauptung nicht korrekt, wonach Unternehmen die Produktivitätsgewinne vollständig für sich behalten hätten.
Bei einer aus Sicht des Arbeitgeberverbands korrekten Vergleichsgrösse seien die Reallöhne seit 2014 sogar stärker gestiegen als die Produktivität. Damit widerspricht der Verband der zentralen Begründung für die Forderung nach einer generellen Lohnerhöhung von 2,5 Prozent.
Auch bei den Krankenkassenprämien setzt der Arbeitgeberverband einen anderen Schwerpunkt. Zwar würden die Prämien prozentual stärker steigen als die Löhne. In absoluten Frankenbeträgen sei der Lohnzuwachs eines durchschnittlichen Haushalts jedoch grösser als der Anstieg der Krankenkassenprämien.
KOF erwartet moderates Lohnwachstum
Auch die Prognosen für 2027 liegen deutlich unter der Forderung des SGB. Das KOF-Institut rechnet derzeit mit einem Anstieg der Nominallöhne von rund einem Prozent.
Weil gleichzeitig eine vergleichsweise tiefe Teuerung erwartet wird, dürfte die Kaufkraft nach Einschätzung des Arbeitgeberverbands dennoch zunehmen. Damit sehen die Arbeitgeber keinen Anlass für eine flächendeckende Lohnerhöhung von 2,5 Prozent.
Die kommenden Lohnverhandlungen dürften damit von unterschiedlichen Einschätzungen über Produktivität, Kaufkraft und die Belastung durch Krankenkassenprämien geprägt sein. Während der SGB einen deutlichen Nachholbedarf sieht, argumentiert die Arbeitgeberseite mit moderater Inflation und bereits steigenden Reallöhnen.






