Der Frauenanteil in den Verwaltungsräten der grössten Schweizer Unternehmen ist nach Jahren des Wachstums erstmals ins Stocken geraten. Zwar liegt er insgesamt bei 34 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. Im ersten Halbjahr 2026 fiel der Nettozuwachs jedoch auf den tiefsten Wert seit einem Jahrzehnt.
11 Unternehmen weiterhin ohne Frau im Verwaltungsrat
Eine Auswertung des Headhunters Guido Schilling für das erste Halbjahr 2026 zeigt, dass in den Verwaltungsräten grosser Schweizer Unternehmen weiterhin deutliche Unterschiede bestehen. Von den 180 untersuchten Firmen haben elf keine einzige Frau in ihrem Verwaltungsrat.
Dazu gehören unter anderem der Spital- und Hotelbetreiber Aevis Victoria, der Aargauer Chemikalienhersteller Dottikon ES sowie das Stahlunternehmen Swiss Steel. Auch der Schweizer Börsenbetreiber SIX verfügt seit dem Rücktritt der spanischen Ökonomin Belén Romana García wieder über einen Verwaltungsrat ohne Frau.
Bei insgesamt 15 Unternehmen waren im Vergleich zum Vorjahr weniger Frauen im Verwaltungsrat vertreten. Einige Unternehmen unterschreiten damit den gesetzlich vorgesehenen Richtwert von 30 Prozent. Betroffen sind unter anderem die Zürcher Kantonalbank und Julius Bär. Auch Swiss Life liegt nach dem Abgang der früheren CSS-Chefin Philomena Colatrella unter dieser Marke.
Frauenanteil insgesamt bei 34 Prozent
Trotz der aktuellen Stagnation hat sich die Zusammensetzung der Verwaltungsräte langfristig deutlich verändert. Über alle 180 untersuchten Unternehmen hinweg liegt der Frauenanteil mittlerweile bei 34 Prozent.
Damit hat sich der Anteil innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Zwei Drittel der 150 grössten börsenkotierten Unternehmen sowie 30 der wichtigsten nicht börsenkotierten Firmen erfüllen den von der Politik definierten Richtwert von mindestens 30 Prozent Frauen in ihren Verwaltungsräten.
Der aktuelle Trend fällt jedoch deutlich schwächer aus als in den vergangenen Jahren. Bei Neuwahlen lag der Frauenanteil im ersten Halbjahr 2026 bei 37 Prozent. In den Vorjahren bewegte sich dieser Wert noch zwischen 44 und 52 Prozent.
Nettozuwachs so niedrig wie seit zehn Jahren nicht
Besonders deutlich wird die Entwicklung bei den Wechseln in den Verwaltungsräten. Im ersten Halbjahr 2026 verliessen insgesamt 44 Frauen die untersuchten 180 Gremien.
Gleichzeitig wurden 55 Frauen neu gewählt. Unter dem Strich ergibt sich damit ein Nettozuwachs von lediglich elf Frauen.
Für Guido Schilling ist dies der tiefste Nettozuwachs seit zehn Jahren. Der Headhunter spricht deshalb von einer erstmals feststellbaren Stagnation beim Frauenanteil in den Verwaltungsräten.
Unter den ausgeschiedenen Verwaltungsrätinnen waren auch Antoinette Hunziker-Ebneter bei der Berner Kantonalbank und Monika Ribar bei den SBB. Andere Frauen verliessen ihre Mandate bereits nach vergleichsweise kurzer Zeit, darunter Yanni von Roy-Jiang bei Autoneum und Suwannee Ratthayabandith bei DKSH.
Gesetzlicher Richtwert von 30 Prozent
Für börsenkotierte Unternehmen gilt seit 2026 ein Frauenanteil von mindestens 30 Prozent im Verwaltungsrat als gesetzlicher Richtwert. Wird dieser nicht erreicht, müssen die betroffenen Unternehmen nach dem Prinzip «Comply or Explain» im Vergütungsbericht begründen, weshalb die Vorgabe verfehlt wurde.
Die betroffenen Unternehmen haben allerdings noch Zeit, ihre Verwaltungsräte entsprechend zu verändern. Eine allfällige Erklärung muss erst im Vergütungsbericht 2026 abgegeben werden.
Damit besteht für Unternehmen, die derzeit unter dem Richtwert liegen, weiterhin die Möglichkeit, bis Ende Jahr zusätzliche Frauen in ihre Verwaltungsräte zu wählen.
Warum der Fortschritt ins Stocken gerät
Guido Schilling sieht mehrere mögliche Gründe für die Entwicklung. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten könnten Unternehmen stärker auf bekannte und vertraute Führungskräfte zurückgreifen. Dadurch könnten etablierte männliche Netzwerke bei der Besetzung von Verwaltungsratsmandaten wieder stärker zum Zug kommen.
Auch der politische und gesellschaftliche Druck zur Diversität könnte nachlassen, sobald Unternehmen die gesetzliche Marke erreicht haben. Nach Einschätzung Schillings zeigt sich dadurch, dass die Verankerung von Diversität in den Unternehmen weiterhin nicht selbstverständlich ist.
Hinzu kommen internationale Entwicklungen. Die teilweise kritische Haltung gegenüber Diversity-Programmen in den USA könnte auch Auswirkungen auf die Unternehmenskultur und Personalpolitik in Europa haben.
Für die weitere Entwicklung wird deshalb entscheidend sein, ob die Unternehmen den bisherigen langfristigen Aufwärtstrend beim Frauenanteil fortsetzen oder ob sich die im ersten Halbjahr 2026 beobachtete Stagnation verfestigt.






