Homeoffice gilt für viele als grosser Gewinn: mehr Flexibilität, weniger Pendelzeit und eine bessere Work-Life-Balance.
Doch eine neue US-Studie zeigt nun eine Schattenseite, die viele Beschäftigte offenbar unterschätzen. Wer regelmässig von zu Hause arbeitet, könnte deutlich stärker unter Einsamkeit und sozialer Isolation leiden – besonders dann, wenn er allein lebt.
Millionen arbeiten heute häufiger von zu Hause
Seit der Corona-Pandemie hat sich die Arbeitswelt grundlegend verändert.
Während 2019 in den USA nur rund sieben Prozent der Beschäftigten mobil arbeiteten, waren es 2024 bereits 28 Prozent. Auch im deutschsprachigen Raum ist Homeoffice längst Teil des Berufsalltags geworden.
Was zunächst wie ein Gewinn an Freiheit wirkt, könnte jedoch psychische Folgen haben.
Studie analysierte mehr als eine halbe Million Menschen
Für die Untersuchung werteten Forschende Daten von knapp 570’000 US-Bürgerinnen und US-Bürgern aus.
Die Analyse umfasst den Zeitraum von 2011 bis 2024. Die akuten Pandemiejahre 2020 und 2021 wurden bewusst ausgeklammert, um langfristige Entwicklungen besser sichtbar zu machen.
Das Ergebnis überraschte selbst die Forschenden.
Besonders betroffen: Alleinlebende
Wer allein lebt und überwiegend im Homeoffice arbeitet, verbringt deutlich mehr Tage ohne direkte soziale Kontakte.
Laut Studie:
- steigt das Gefühl sozialer Isolation
- nehmen Einsamkeitsgefühle zu
- wächst die psychische Belastung
- werden psychologische Beratungen häufiger in Anspruch genommen
Die Forschenden kommen zum Schluss, dass viele Betroffene die Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden selbst kaum wahrnehmen.
Homeoffice als «soziales Experiment»
In einem begleitenden Kommentar im Fachjournal Science sprechen Wissenschaftler der Yale University von einem der grössten sozialen Experimente der modernen Geschichte.
Die massive Verlagerung von Arbeit ins Homeoffice habe nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern verändere auch das soziale Leben grundlegend.
Arbeitsplätze seien weit mehr als Orte der Leistungserbringung. Sie dienten auch als Treffpunkt für Austausch, Gemeinschaft und soziale Zugehörigkeit.
Schweizer Experten sehen Warnsignal
Der Düsseldorfer Soziologe Nico Dragano bewertet die Ergebnisse als plausibel.
Dass insbesondere Alleinlebende unter sozialer Isolation leiden können, sei zwar keine Überraschung. Die Studie liefere nun aber zusätzliche wissenschaftliche Hinweise dafür.
Auch Arbeitspsychologin Laura Venz sieht relevante Zusammenhänge, mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation.
🚨 Breaking News direkt aufs Smartphone
Verpasse keine Eilmeldung mehr – jetzt den imTicker WhatsApp-Kanal abonnieren:
👉 imTicker auf WhatsApp abonnieren
Nicht nur Homeoffice könnte verantwortlich sein
Laut Venz könnten weitere Faktoren die psychische Belastung beeinflussen:
- mehr Überstunden
- höhere Arbeitsbelastung
- Arbeiten trotz Krankheit
- fehlende Trennung zwischen Beruf und Freizeit
Deshalb lasse sich nicht eindeutig beweisen, dass Homeoffice allein für die beobachteten Effekte verantwortlich sei.
Unternehmen als soziale Räume
Soziologin Heike Ohlbrecht von der Universität Magdeburg erinnert daran, dass Unternehmen wichtige soziale Funktionen erfüllen.
Am Arbeitsplatz entstehen häufig:
- Freundschaften
- Zugehörigkeitsgefühl
- gegenseitige Unterstützung
- Anerkennung
- soziale Netzwerke
Fallen diese Kontakte dauerhaft weg, könnten langfristig wichtige soziale Bindungen verloren gehen.
Die Lösung ist nicht die Abschaffung des Homeoffice
Trotz der Ergebnisse fordern die Forschenden keine Rückkehr zur reinen Präsenzarbeit.
Vielmehr gehe es darum, die Vorteile flexibler Arbeitsmodelle mit regelmässigen persönlichen Begegnungen zu verbinden.
In vielen Unternehmen habe sich inzwischen das hybride Arbeiten etabliert – also eine Mischung aus Homeoffice und Büropräsenz.
Genau darin könnte laut Experten der Schlüssel liegen.
Die neue Studie liefert deutliche Hinweise darauf, dass Homeoffice nicht für alle Menschen gleich gut funktioniert.
Besonders Alleinlebende könnten langfristig unter fehlenden sozialen Kontakten leiden, ohne die Auswirkungen sofort zu bemerken.






