Thun schreibt Geschichte – gleich doppelt. Am Sonntag, 5. Juli 2026, wählten die Thuner Stimmberechtigten mit Eveline Salzmann erstmals eine Frau ins Stadtpräsidium. Und: Sie ist SVP. Gleichzeitig kippte der Gemeinderat nach links. Was bleibt, ist ein politisches Paradox, das schweizweit für Gesprächsstoff sorgt.
Das Wichtigste in Kürze
- Eveline Salzmann (SVP, 51) ist ab sofort erste Stadtpräsidentin in der Geschichte Thuns
- Stichwahl-Resultat: 6’304 Stimmen für Salzmann, 5’490 für Andrea de Meuron (Grüne)
- Stimmenvorsprung: 814 Stimmen – kein Erdrutsch, aber klar
- Gleichzeitig gewann SP-Mann Claudius Domeyer den freien Gemeinderat-Sitz
- Neuer Gemeinderat: SVP 2 Sitze, SP 2 Sitze, Grüne 1 Sitz – rotgrüne Mehrheit
- Wahlbeteiligung: 38,7 Prozent – für eine Ersatzwahl überraschend hoch
- Erste Sitzung des neuen Gremiums: Montag, 6. Juli 2026
- Bereits im November stehen Gesamterneuerungswahlen an
Das politische Paradox von Thun
Thun wählte am Sonntag rechts an der Spitze und links im Gremium. Eveline Salzmann von der SVP führt neu das Stadtpräsidium – aber im fünfköpfigen Gemeinderat, den sie leitet, hat das rotgrüne Lager die Mehrheit. SP und Grüne zusammen kommen auf drei von fünf Sitzen.
Es ist eine Konstellation, die politisch selten ist und in den kommenden Monaten zu Reibungen führen kann: Eine SVP-Stadtpräsidentin, die mit einer linken Mehrheit regieren muss. Oder – je nach Lesart – eine pragmatische Exekutive, die Sachpolitik über Ideologie stellt.
Salzmann selbst betonte im Wahlkampf immer wieder: «Für mich ist wichtig, dass die Menschen mich nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Qualität wählen.» Und: Sie wolle «faktenbasiert, pragmatisch und ohne ideologische Scheuklappen» entscheiden.
Wer ist Eveline Salzmann?
Eveline Salzmann, 51 Jahre alt, ist keine unbekannte Figur in Thun. Sie sass seit 2022 im Gemeinderat und leitete die Direktion Sicherheit und Soziales. Vorher war sie Gerichtspräsidentin – eine Laufbahn, die ihr das Image einer nüchternen, faktenorientierten Politikerin eingebracht hat.
Was wenige wissen: Salzmann wurde als 17-Jährige eingebürgert. Eine ungewöhnliche Geschichte für eine SVP-Politikerin, deren Partei für strenge Einbürgerungsregeln bekannt ist. Salzmann selbst sagt dazu: «Es ist eine unglaubliche Geschichte und ich bin Thun und der Schweiz äusserst dankbar, dass sie möglich wurde.»
Im Frühling 2026 wurde sie zudem in den Berner Grossen Rat gewählt. Sie ist damit gleichzeitig Stadtpräsidentin und Kantonsparlamentsabgeordnete – ein Pensum, das anspruchsvoll bleibt.
Ihr Vorgänger Raphael Lanz (SVP), der das Amt seit 2011 innehatte und im März in den Berner Regierungsrat gewählt worden war, gratulierte aus der Ferne: «Sie hat einen guten Humor, kann anpacken und entscheiden. Und auf sie ist Verlass.»
Wie die Wahl verlief
Die Ersatzwahl war nötig geworden, weil Raphael Lanz Ende März in die Berner Kantonsregierung gewählt wurde. Im ersten Wahlgang vom 14. Juni schaffte keine Kandidatin das absolute Mehr. Salzmann lag damals klar vorne mit 7’446 Stimmen, gefolgt von Andrea de Meuron (Grüne, 4’507) und Katharina Ali-Oesch (SP, 4’359).
Die SP zog sich daraufhin zurück und unterstützte de Meuron für die Stichwahl – in der Hoffnung, die linke Stimmmacht zu bündeln. Es reichte nicht. Salzmann, von SVP, Mitte und FDP gemeinsam nominiert, holte 6’304 Stimmen. De Meuron kam auf 5’490.
Der Schachzug der Linken gelang aber beim zweiten Wahlgang um den freien GemeinderatSitz: SP-Mann Claudius Domeyer – Pflegefachmann und Dozent – setzte sich mit 6’801 Stimmen klar gegen SVP-Kandidat Valentin Borter (5’147 Stimmen) durch. Damit verlor die SVP einen ihrer drei Gemeinderats-Sitze.
Die neue Zusammensetzung des Gemeinderats
| Partei | Gemeinderäte | Namen |
|---|---|---|
| SVP | 2 Sitze | Eveline Salzmann (Stadtpräsidentin), Reto Schertenleib |
| SP | 2 Sitze | Katharina Ali-Oesch, Claudius Domeyer (neu) |
| Grüne | 1 Sitz | Andrea de Meuron |
Resultat: Rotgrüne Mehrheit mit 3 von 5 Sitzen – trotz SVP an der Spitze.
Was das für Thun bedeutet
Die Konstellation ist heikel. Salzmann als Stadtpräsidentin leitet ein Gremium, in dem sie und ihr SVP-Kollege regelmässig überstimmt werden können. Das Stadtpräsidium in der Schweiz ist kein Alleinherrscher – Entscheide fallen im Gemeinderat, und dort hat Rotgrün das Sagen.
Konkret bedeutet das: Bei Budgetfragen, Bau- und Zonenplanungen, sozialpolitischen Themen oder Integrationspolitik kann das linke Lager Beschlüsse fassen, die Salzmann nicht mittragen würde.
Für die Stadt ist das keine völlig neue Situation. Schon 2021 hatte Rotgrün einmal kurz die Mehrheit – verlor sie aber bei den Gesamterneuerungswahlen 2022 wieder, als die SVP drei Sitze holte. Geschichte wiederholt sich in Thun offenbar gerne.
Der Countdown läuft bereits
Das politische Gleichgewicht gilt nur bis Ende Jahr. Bereits am 29. November 2026 finden in Thun Gesamterneuerungswahlen statt. Dann werden alle fünf Gemeinderats-Sitze neu vergeben – und Salzmann muss sich als frisch gewählte Stadtpräsidentin bereits wieder einer Bestätigungswahl stellen.
Claudius Domeyer, der soeben den SP-Sitz geholt hat, steht ebenfalls bereits wieder vor einer Bestätigungswahl. Der politische Rhythmus in Thun ist dieser Tage ungewöhnlich schnell.
Andrea de Meuron, die unterlegene Gegenkandidatin, schliesst eine erneute Kandidatur fürs Stadtpräsidium aus – trotz Niederlage. Sie gehört als Nationalrätin ohnehin bereits der eidgenössischen Bühne an.
Historische Einordnung: Thun und die Frauen
Seit über 100 Jahren, seit 1919, gibt es in Thun Stadtpräsidenten – ausnahmslos Männer. Die Liste liest sich wie ein Who’s Who der Berner Politik: FDP-Männer, SP-Männer, SVPMänner. Bis heute.
1980 wurde Barbara König-Ziegler (FDP) zur ersten Stadtratspräsidentin gewählt – also Parlamentspräsidentin, nicht Stadtpräsidentin. Das ist ein Unterschied. Der echte Durchbruch kam erst jetzt, 46 Jahre später.
Und doch: Vor über 760 Jahren war es eine Frau, die Thun überhaupt erst zur Stadt machte. Gräfin Elisabeth von Kyburg verlieh der Stadt 1264 die Stadtrechte. Man könnte sagen: Thun hat eine lange Tradition mit starken Frauen an der Spitze – mit einer sehr langen Pause dazwischen.
Fazit: Historisch, paradox – und politisch brisant
Thun hat mit Eveline Salzmann eine Stadtpräsidentin, die Geschichte schreibt. Eine SVPFrau, die als 17-Jährige eingebürgert wurde und nun die älteste Aufgabe der Stadt übernimmt: die Stadt zu führen. Mit einer rotgrünen Mehrheit im Rücken – oder im Weg, je nach Perspektive.
Was die nächsten Monate bringen, entscheiden nicht die Schlagzeilen, sondern die Abstimmungen im Gemeinderat. Und dann, im November, das Volk.
Thun hat gewählt. Jetzt regiert die Widerspruch.






