Europas Gasspeicher sind Ende August deutlich weniger gefüllt als üblich. In der EU liegt der Füllstand bei rund 63 Prozent statt der saisonüblichen 80 Prozent. Ein kalter Winter, hoher Gasverbrauch im Sommer und die Folgen des Konflikts mit dem Iran erschweren das Auffüllen. Fachleute rechnen deshalb mit höheren Preisen und stärkeren Schwankungen.
Gasreserven deutlich unter dem üblichen Niveau
Die europäischen Energiehändler blicken mit Sorge auf die Gasreserven vor Beginn der Heizperiode. Ende August waren die Gasspeicher in der Europäischen Union nach den vorliegenden Angaben zu rund 63 Prozent gefüllt. Normalerweise liegt der Füllstand zu diesem Zeitpunkt bei etwa 80 Prozent.
Sollte das bisherige Einspeichertempo anhalten, könnte Europa mit rund einem Fünftel weniger Gasreserven als im Fünfjahresdurchschnitt in den Winter starten. Greg Molnar, Gasanalyst bei der Internationalen Energieagentur (IEA), rechnet damit, dass die Speicher zu Beginn der Heizperiode so leer sein könnten wie seit 2013 nicht mehr.
Die niedrigen Reserven bedeuten nicht automatisch, dass Europa im Winter das Gas ausgehen wird. Sie erhöhen jedoch die Anfälligkeit des Marktes. Bereits längere Kälteperioden könnten den Verbrauch deutlich erhöhen.
Mehr Gasverbrauch durch Kälte und Hitze
Für die derzeit niedrigen Speicherstände gibt es mehrere Gründe. Ein kalter Frühlingsbeginn beziehungsweise das Ende des vergangenen Winters führte dazu, dass Europa mehr Gas aus den Speichern entnehmen musste.
Gleichzeitig trieben die Hitzewellen im Sommer den Gasverbrauch in die Höhe. Wenn der Strombedarf für Klimaanlagen steigt, wird in verschiedenen europäischen Ländern zusätzlich Gas zur Stromproduktion eingesetzt.
Dadurch blieb weniger Zeit und Spielraum, um die Speicher während der wärmeren Monate wieder aufzufüllen. Für die kommende Heizperiode ist damit eine deutlich geringere Ausgangslage entstanden als in vielen vergangenen Jahren.
Besonders kritisch wäre eine Kombination aus tiefen Temperaturen und einer schwachen Stromproduktion aus Windkraft. In solchen Situationen könnte der Gasverbrauch sowohl für die Heizung als auch für die Stromversorgung steigen.
Konflikt im Nahen Osten erschwert Nachschub
Zusätzlich belastet der Konflikt mit dem Iran die Lage auf den internationalen Energiemärkten. Störungen bei den Öl- und Gasexporten aus der Golfregion erschweren es Europa, die benötigten Vorräte rechtzeitig aufzufüllen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Situation rund um die Strasse von Hormus. Über diese wichtige Seeverbindung werden grosse Mengen an Energie transportiert. Eine anhaltende Beeinträchtigung der Exporte könnte deshalb auch den europäischen Gasmarkt weiter unter Druck setzen.
Lange hatten Marktteilnehmer darauf gehofft, dass sich die Situation entspannen und Europa seine Speicher vor dem Winter noch ausreichend füllen kann. Diese Erwartungen haben sich zuletzt jedoch abgeschwächt.
Der Rohstoff-Chefanalyst der Bank SEB, Bjarne Schieldrop, beschreibt den europäischen Gasmarkt deshalb als zunehmend angespannt. Eine schnelle Entspannung der Lage werde derzeit offenbar nicht erwartet.
Gaspreis hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt
Die angespannte Versorgungslage schlägt sich bereits auf die Preise nieder. Der europäische Referenzpreis für Erdgas ist zuletzt auf umgerechnet mehr als 64 Franken pro Megawattstunde gestiegen. Damit liegt er auf dem höchsten Niveau seit rund drei Jahren.
Zu Beginn des Jahres kostete europäisches Gas weniger als halb so viel. Für Haushalte und Unternehmen bedeutet ein weiterer Preisanstieg ein zusätzliches Risiko, insbesondere wenn die hohen Preise über längere Zeit bestehen bleiben.
Nach Einschätzung von Goldman Sachs könnte der europäische Gaspreis auf mehr als 94 Franken pro Megawattstunde steigen, falls die Gasexporte aus dem Nahen Osten nicht wieder zunehmen.
Europa dürfte im Winter zudem stärker auf Flüssiggas (LNG) angewiesen sein. Dadurch könnte der europäische Markt stärker mit asiatischen Abnehmern um verfügbare LNG-Lieferungen konkurrieren.
Kein unmittelbarer Gasmangel erwartet
Trotz der ungewöhnlich niedrigen Speicherstände rechnen Fachleute derzeit nicht mit einem tatsächlichen Gasmangel in Europa. Das Risiko für starke Preisschwankungen ist jedoch deutlich gestiegen.
Entscheidend wird sein, wie kalt der kommende Winter ausfällt, wie stark der Gasverbrauch für die Stromproduktion steigt und ob zusätzliche Liefermengen aus anderen Regionen zur Verfügung stehen.
Für Europa bedeutet die aktuelle Situation damit vor allem eine höhere Unsicherheit. Je weniger Gas bis zum Beginn der Heizperiode eingespeichert werden kann, desto stärker dürfte der Markt auf Kälte, Lieferunterbrechungen oder eine zusätzliche Nachfrage reagieren.






