Der Vorsitzende des EU-Militärkomitees, Seàn Clancy, warnt vor grossen Lücken in der europäischen Verteidigungsfähigkeit. In einem Interview fordert der irische General mehr Investitionen, bessere Zusammenarbeit und schnellere Entscheidungen. Europa müsse aus Sicht Clancys seine Verteidigungsbereitschaft deutlich steigern.
Europa in sicherheitspolitischer Übergangsphase
Europa befindet sich nach Einschätzung des höchsten militärischen Vertreters der Europäischen Union in einer schwierigen Phase. Seàn Clancy, Vorsitzender des Militärkomitees der EU, sieht den Kontinent mit wachsenden sicherheitspolitischen Herausforderungen konfrontiert und fordert eine konsequentere Umsetzung bereits beschlossener Massnahmen.
Laut GMX berichtet der EU-Militärchef in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel», dass Europa zwar wisse, welche Schritte notwendig seien, aber noch nicht alle Voraussetzungen geschaffen habe, um für kommende Bedrohungen ausreichend vorbereitet zu sein.
Nach Ansicht Clancys ist die Wahrnehmung der Sicherheitslage innerhalb Europas unterschiedlich ausgeprägt. Besonders Staaten an der östlichen Grenze der EU würden die Bedrohung durch Russland unmittelbar spüren. In Teilen Westeuropas sei das Bewusstsein für die Dringlichkeit hingegen weniger stark ausgeprägt.
Jahrzehnte mit zu wenig Investitionen
Clancy kritisiert, dass viele europäische Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges die Verteidigung über Jahrzehnte nicht als zentrale Priorität behandelt hätten. Rund 30 Jahre lang seien Verteidigungsausgaben reduziert und militärische Fähigkeiten teilweise zurückgebaut worden.
Die Folgen seien heute sichtbar: fehlende Kapazitäten bei der Drohnenproduktion, Schwächen bei der Raketenabwehr sowie Defizite im Bereich Weltraumsicherheit und beim Schutz vor hybriden Angriffen.
Der Europäische Rat habe beschlossen, diese Lücken zu schliessen und die Verteidigungsfähigkeit Europas bis 2030 deutlich auszubauen. Dafür seien jedoch weitere Anstrengungen und eine engere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten notwendig.
Lob für Deutschland und Pistorius
Positiv bewertet Clancy die aktuellen Entwicklungen in Deutschland. Die Lockerungen bei finanziellen Beschränkungen, geplante Investitionen und die langfristige Ausrichtung der Verteidigungspolitik seien aus seiner Sicht wichtige Schritte.
Besonders Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) habe dabei Führungsstärke gezeigt. Gleichzeitig weist Clancy darauf hin, dass der politische Kurs nicht vollständig von der Bevölkerung getragen werde.
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa zeigt laut den Angaben im Interview, dass 38 Prozent der Deutschen einen Ausbau der Bundeswehr zur stärksten konventionellen Streitmacht Europas unterstützen.
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Verteidigung als Schutz kritischer Infrastruktur
Den Vorwurf, höhere Verteidigungsausgaben könnten zulasten sozialer Bereiche gehen, weist Clancy zurück. Sicherheit betreffe nicht nur Streitkräfte, sondern auch den Schutz wichtiger Infrastruktur wie Energieversorgung, Krankenhäuser und Kommunikationsnetze.
Nach seiner Einschätzung sind Investitionen in Verteidigung auch Investitionen in die Stabilität des täglichen Lebens. Als Beispiel nennt er die Ukraine, deren Widerstandsfähigkeit nicht allein auf militärischer Ausrüstung beruhe, sondern auch auf einer anpassungsfähigen Gesellschaft und Wirtschaft.
Besonders beeindrucke ihn die Geschwindigkeit, mit der dort neue Technologien entwickelt und direkt unter realen Bedingungen getestet würden.
Europas Rüstungsindustrie soll enger zusammenarbeiten
Ein weiteres Problem sieht Clancy in der starken Fragmentierung der europäischen Rüstungsindustrie. Während die USA mit deutlich weniger Haupt-Waffensystemen arbeiteten, gebe es in Europa eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle.
Diese Vielfalt erschwere die Zusammenarbeit der Streitkräfte. Unterschiedliche Systeme und nicht kompatible Munition könnten im Ernstfall zu logistischen Problemen führen.
Als positives Beispiel nennt Clancy gemeinsame Beschaffungsprojekte, bei denen mehrere Länder denselben Ausrüstungstyp nutzen. Solche Kooperationen könnten Kosten senken und die Einsatzfähigkeit verbessern.
Schnellere Entwicklung statt perfekter Systeme
Clancy fordert zudem ein Umdenken bei der Entwicklung neuer militärischer Technologien. Europa müsse schneller werden und dürfe nicht jahrelang an der perfekten Lösung arbeiten, bevor ein Produkt eingesetzt werde.
Die Ukraine habe gezeigt, dass insbesondere bei Drohnen kurze Entwicklungszyklen möglich seien. Neue Systeme könnten innerhalb weniger Monate angepasst und verbessert werden.
«Perfektion ist manchmal der Feind des Guten», lautet Clancys Botschaft. Europa müsse stärker bereit sein, Risiken einzugehen und schneller auf neue Herausforderungen zu reagieren.
Die EU verfüge mit einem Finanzrahmen von rund 800 Milliarden Euro über erhebliche Mittel, um die Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie voranzutreiben. Trotz erster Fortschritte bleibe der Weg zu einer umfassenden europäischen Verteidigungsbereitschaft jedoch lang.






