Der weltweite Rückgang der Ölnachfrage könnte stark von Erdöleinnahmen abhängige Staaten vor schwere wirtschaftliche und politische Probleme stellen. Eine neue Studie warnt vor Finanzkrisen, sozialen Unruhen und steigender Migration. Besonders gefährdet gelten unter anderem Algerien, Nigeria, Iran und Angola. Auch Europa könnte die Folgen spüren.
Der weltweite Übergang weg von fossilen Energieträgern könnte für zahlreiche Ölförderländer zu einer erheblichen Belastung werden. Wenn die Nachfrage nach Erdöl wie erwartet in den kommenden Jahren ihren Höhepunkt erreicht und anschliessend sinkt, drohen Staaten mit stark abhängigen Haushalten massive Einnahmeausfälle.
Davor warnt der Klimapolitik-Thinktank E3G in einer neuen Studie. Besonders gefährdet seien Länder, deren Wirtschaft kaum diversifiziert ist und die nur über geringe finanzielle Reserven verfügen. Genannt werden insbesondere Nigeria, Iran, Angola und Algerien.
Die weltweite Ölnachfrage dürfte laut E3G zwischen 2030 und 2035 ihren Höchststand erreichen. Danach müssen die Förderländer mit einem schrumpfenden Markt umgehen. Der Ausbau erneuerbarer Energien und die zunehmende Verbreitung von Elektrofahrzeugen dürften diesen Strukturwandel weiter beschleunigen.
Nicht alle Ölstaaten sind gleich stark gefährdet
Wie stark die Folgen ausfallen, hängt unter anderem von den Produktionskosten und den finanziellen Möglichkeiten eines Landes ab. Staaten wie Saudiarabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über grosse Reserven und können vergleichsweise günstig fördern.
Produzenten mit höheren Förderkosten dürften dagegen früher unter Druck geraten. Wenn die Nachfrage sinkt, könnten zunächst jene Anbieter Marktanteile verlieren, deren Produktion vergleichsweise teuer ist.
Besonders problematisch ist die Entwicklung für Länder, deren Staatshaushalt zu einem grossen Teil von Öl- und Gaseinnahmen abhängig ist. In insgesamt 17 Staaten machen diese Einnahmen laut Studie mehr als 40 Prozent der staatlichen Einnahmen aus.
Im Irak und in Libyen liegt der Anteil sogar bei 70 bis 90 Prozent. Ein starker Rückgang der Einnahmen könnte dort die Finanzierung staatlicher Leistungen erschweren und gleichzeitig Verschuldung sowie politische und soziale Spannungen verstärken.
E3G erwartet dabei nicht zwingend eine einzelne weltweite Ölkrise. Wahrscheinlicher seien mehrere nationale Finanz- und Wirtschaftskrisen, die sich je nach Land zu unterschiedlichen Sicherheitsproblemen entwickeln könnten.
Venezuela gilt als Warnbeispiel
Welche Folgen eine starke Abhängigkeit vom Erdöl haben kann, zeigt laut den Autoren Venezuela. Das Land verfügt über die weltweit grössten nachgewiesenen Ölreserven, befindet sich aber seit Jahren in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise.
Anfang 2026 wurde Staatschef Nicolás Maduro bei einer US-Militäroperation gefangen genommen. Seine frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez führt das Land seither übergangsweise. Gleichzeitig haben die USA ihren Einfluss auf die venezolanische Ölindustrie erheblich ausgeweitet.
Die Studie sieht Venezuela als Beispiel dafür, wie wirtschaftliche Abhängigkeit, politische Instabilität und der Kampf um natürliche Ressourcen miteinander verbunden sein können. Die möglichen Folgen eines globalen Rückgangs der Ölnachfrage könnten bei anderen Förderländern allerdings ganz anders aussehen.
Studienautorin Beth Walker warnt davor, die Entwicklung allein den Märkten zu überlassen. Wenn Ölstaaten den wirtschaftlichen Wandel ohne ausreichende Unterstützung bewältigen müssten, könne die Transformation für alle Seiten riskanter werden.
Die Energiewende selbst zu verlangsamen, sei laut E3G jedoch keine Lösung. Auch ein langsamer Übergang könne destabilisierend wirken, wenn er ungeordnet verlaufe. Entscheidend sei deshalb nicht nur die Geschwindigkeit des Ausstiegs aus fossilen Energien, sondern die Vorbereitung der betroffenen Staaten.
Algerien könnte 87 Prozent der Einnahmen verlieren
Besonders deutlich wird das Risiko bei Algerien. E3G rechnet damit, dass die Einnahmen des Staates aus Öl und Gas ab 2030 um 87 Prozent zurückgehen könnten. Für Nigeria wird ein Rückgang von mehr als 60 Prozent erwartet.
Algerien ist für Europa besonders relevant, weil das Land geografisch nahe liegt und bei seinen Energieexporten stark von der EU abhängig ist. Ein Einbruch der Einnahmen könnte deshalb nicht nur wirtschaftliche Folgen für Algerien selbst haben.
Die Studie nennt für Algerien unter anderem soziale Unruhen und Migration als mögliche Folgen. Für Nigeria könnte eine sinkende staatliche Handlungsfähigkeit Auswirkungen auf weitere Regionen Afrikas haben.
Im Irak wiederum droht laut E3G eine zusätzliche Destabilisierung mit möglichen Folgen für die Golfregion. In Libyen könnten neue Konflikte um die Kontrolle der Ölinfrastruktur entstehen. Dadurch könnten auch die Sicherheitsinteressen Europas unmittelbar berührt werden.
Steigende Migration wäre dabei nur eine mögliche Folge. Wirtschaftliche Krisen können zugleich staatliche Institutionen schwächen, Konflikte verschärfen und den Wettbewerb um Einnahmen und Infrastruktur verstärken.
Internationale Institutionen sollen enger zusammenarbeiten
E3G fordert deshalb einen stärker koordinierten Übergang. Regierungen, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und private Finanzinstitutionen sollten gemeinsam daran arbeiten, besonders abhängige Staaten beim wirtschaftlichen Umbau zu unterstützen.
Nach Einschätzung der Studienautoren existieren viele der dafür notwendigen Instrumente bereits. Sie würden bislang jedoch häufig getrennt voneinander eingesetzt.
Auch die grossen Ölverbraucher seien gefordert. Sie müssten frühzeitig und möglichst klar kommunizieren, wie stark ihre Nachfrage nach Erdöl künftig zurückgehen dürfte. Für die Förderländer würde dies die Planung des wirtschaftlichen Umbaus erleichtern.
Die Unterstützung für betroffene Ölstaaten sollte dabei nicht allein als Klimapolitik oder Entwicklungshilfe betrachtet werden. Angesichts möglicher Konflikte, wirtschaftlicher Krisen und Migration sei ein geordneter Übergang ebenso eine Frage der Aussen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik.






