Was ist Bewusstsein? Wie entsteht das Ich – und warum verschwindet es jede Nacht im Schlaf, nur um am Morgen scheinbar unverändert zurückzukehren? Forschende weltweit versuchen zu verstehen, wie subjektives Erleben im Gehirn entsteht, wann es sich entwickelt und ob sogar Maschinen eines Tages bewusst sein könnten.
Wenn das Ich verschwindet
Jeden Abend verlieren wir unser Bewusstsein – im Schlaf, in Träumen oder bei Ohnmacht. Und doch fürchten wir uns kaum davor. Vielleicht, weil wir wissen, dass es zurückkehrt.
Dass dieses bewusste Erleben so selbstverständlich wirkt, ist erstaunlich. Bis heute existiert keine allgemein akzeptierte Theorie darüber, wie Bewusstsein genau entsteht. Dennoch hat die Neurowissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Hinweise geliefert.
Bereits 1880 beschrieb der französische Neurologe Jules Cotard eine Patientin, die glaubte, sie existiere nicht mehr. Dieses später nach ihm benannte Cotard-Syndrom gilt als extreme Störung der Selbstwahrnehmung. Betroffene fühlen sich wie Geister, glauben, kein Gehirn zu besitzen oder bereits tot zu sein.
Wenn das Gehirn die Realität verliert
Der Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran vermutet, dass beim Cotard-Syndrom zwei Systeme im Gehirn gestört sind:
Verbindungen zwischen Wahrnehmungszentren und der Amygdala (Emotion)
Das Spiegelneuronen-System, das für Empathie und Selbstwahrnehmung wichtig ist
Auch Drogen können das Ich radikal verändern. LSD-Konsumenten berichten von Ich-Auflösung, Verschmelzung mit der Umgebung oder Wahrnehmung von Musik als Farben. Solche Erfahrungen zeigen: Bewusstsein ist formbar – und offenbar eng mit neuronalen Netzwerken verknüpft.
Wann entsteht Bewusstsein?
Laut gmx.ch deuten neuere Experimente darauf hin, dass bereits sehr junge Babys Formen bewusster Wahrnehmung besitzen.
Der Pariser Neurowissenschaftler Sid Kouider untersuchte Babys im Alter von fünf bis 15 Monaten mittels EEG. Dabei zeigte sich eine sogenannte P300-Welle – ein elektrisches Signal, das bei Erwachsenen mit bewusster Wahrnehmung verbunden ist. Selbst bei fünf Monate alten Säuglingen war eine schwächere Variante dieser Hirnwelle messbar.
Andere Studien mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) legen nahe, dass Neugeborene bereits über neuronale Netzwerke verfügen, die Informationen integrieren – eine mögliche Grundlage bewussten Erlebens.
Bewusstsein ist kein Alles-oder-nichts-Phänomen
Der US-Neurowissenschaftler Christof Koch beschreibt Bewusstsein als „Erleben“. Nur der Tatsache, dass wir etwas erleben, können wir absolut sicher sein.
Der Philosoph Thomas Metzinger spricht vom „Erscheinen einer Welt“ – inklusive einer subjektiven Innenperspektive.
Viele Forschende sehen Bewusstsein heute eher als Kontinuum, vergleichbar mit einem Dimmer: Es gibt Abstufungen zwischen klarem Wachbewusstsein, Traumzuständen und völliger Bewusstlosigkeit.
🚨 Breaking News direkt aufs Smartphone
Verpasse keine Eilmeldung mehr – jetzt den imTicker WhatsApp-Kanal abonnieren:
👉 imTicker auf WhatsApp abonnieren
Bewusstsein im Koma
Ein spektakulärer Fall aus dem Jahr 2005 zeigte, wie komplex das Thema ist: Eine Komapatientin reagierte im fMRT auf die Aufforderung, sich ein Tennisspiel vorzustellen – bestimmte Hirnareale wurden aktiv.
Studien zeigen inzwischen, dass etwa ein Viertel scheinbar bewusstloser Patienten messbare Anzeichen inneren Erlebens aufweist.
Haben Tiere ein Ich?
2012 erklärten Forschende auf einer Konferenz in Cambridge, dass viele Tiere – darunter Säugetiere, Vögel und Oktopusse – über neuronale Grundlagen für Bewusstsein verfügen.
Einige Tiere bestehen sogar den sogenannten Spiegeltest, darunter Schimpansen, Delfine und Elefanten. Das deutet auf eine Form von Selbstbewusstsein hin.
Aus evolutionsbiologischer Sicht könnte Bewusstsein einen klaren Überlebensvorteil bieten:
Planung komplexer Handlungen
Soziale Interaktion
Lernen aus Erfahrung
Empathie und Täuschung
Manche Biologinnen vermuten, dass Vorformen des Bewusstseins bereits vor über 500 Millionen Jahren während der Kambrischen Explosion entstanden.
Kann Künstliche Intelligenz bewusst werden?
Hier scheiden sich die Geister.
Während einige Forschende Maschinenbewusstsein für grundsätzlich möglich halten, betonen andere, dass Bewusstsein untrennbar mit einem fühlenden Körper verbunden sei.
Christof Koch argumentiert, dass Intelligenz und Bewusstsein nicht dasselbe sind. Ein System könne intelligent handeln, ohne inneres Erleben zu besitzen. Digitale Computer könnten hohe Rechenleistung erreichen – aber keine Gefühle.
Thomas Metzinger warnt zudem vor ethischen Risiken: Würde künstliches Bewusstsein Leiden erzeugen? Er fordert daher ein Moratorium bis 2050, um die gesellschaftlichen Folgen zu klären.










