Es ist eine Nachricht, die in Basel viele nicht glauben wollen. Die Confiserie Schiesser am Marktplatz – ältestes Kaffeehaus der Schweiz, Treffpunkt von Generationen, Wiener Kaffeehaus mitten in Basel – ist konkurs. Am 30. Juni 2026 wurde der vorläufige Konkurs eröffnet. Nach 156 Jahren ist es vorbei.
Das Wichtigste in Kürze
- Konkurs eröffnet am 30. Juni 2026 – veröffentlicht im Kantonsblatt Basel-Stadt
- Die Confiserie Schiesser wurde 1870 gegründet und über fünf Generationen geführt
- Inhaber Stephan Schiesser (69) verstarb überraschend im April 2026
- Aktuell wegen Grossbaustelle am Marktplatz seit Montag, 29. Juni, geschlossen
- Bereits 2024 musste die Filiale im UBS-Hauptsitz am Bankenplatz schliessen
- Das Konkursamt Basel-Stadt hat die Kontrolle über das Vermögen übernommen
- Ob ein Investor einspringt, ist offen – die Hoffnung lebt noch
Das Ende eines Basler Originals
Wer je in Basel war, kennt das Schiesser. Das späthistoristische Gebäude von 1910 direkt am Marktplatz, gegenüber dem Rathaus – ein Ort, der nicht einfach ein Café war. Ein Ort, der Zeit stillhielt.
Im grossen Tearoom im Stil eines Wiener Kaffeehauses sassen Politikerinnen und Politiker, Grosseltern mit ihren Enkeln, Touristen aus aller Welt. Stammgäste erinnern sich an die Törtchen, die Macarons, den Duft der Backstube, die sich noch im Haus befindet. «Man fühlt sich 100 Jahre zurückversetzt, weil sich die Einrichtung kaum verändert hat», sagte ein Stammgast gegenüber SRF.
Der Schweizer Heimatschutz zählte das Schiesser zu den schönsten Cafés und Tearooms der Schweiz. Seit 1870, über fünf Generationen der Familie Schiesser, war das Haus am Marktplatz eine feste Grösse des Basler Stadtlebens. Nun ist es Geschichte.
Wie es zum Konkurs kam
Die Geschichte des Scheiterns ist eine Abfolge von Schicksalsschlägen und strukturellen Problemen – die sich gegenseitig verstärkten.
Schritt 1: Verlust des Zweitstandorts (2024/2025) Die Filiale im UBS-Hauptsitz am Bankenplatz lief zuletzt schlecht. Immer weniger Menschen besuchen Bankfilialen – der Standort hatte keine Zukunft mehr. Die Confiserie schloss ihn im Herbst 2024 stillschweigend.
Schritt 2: Übergabe der Geschäftsleitung (2024) Bereits vor zwei Jahren hatte die Familie die operative Führung an einen externen Geschäftsführer übergeben: Jochen Mauracher übernahm die Leitung. Stephan Schiesser blieb Verwaltungsratspräsident – der Kopf und das Herz des Unternehmens.
Schritt 3: Tod des Inhabers (April 2026) Dann der schwerste Schlag. Ende April 2026 verstarb Stephan Schiesser überraschend im Alter von 69 Jahren. Der langjährige Inhaber und Vertreter der fünften Familiengeneration war nicht mehr da. Das Unternehmen stand ohne seinen wichtigsten Anker da.
Schritt 4: Die Grossbaustelle (Juni 2026) Als ob das nicht genug wäre: Am Marktplatz laufen seit Wochen Gleisarbeiten für die Tram. Die Kundschaft blieb weg. Die Confiserie schloss am 29. Juni vorübergehend – und am Tag darauf, dem 30. Juni, eröffnete das Konkursamt den vorläufigen Konkurs.
Basel ist betroffen
Die Reaktionen auf den Strassen Basels sprechen für sich.
«Ich finde das sehr traurig, dass so ursprüngliche, alte Kaffeehäuser zumachen», sagte eine Passantin gegenüber SRF. Eine andere nannte das Schiesser eine «Kulturinstitution». Nirgends gebe es bessere Macarons. Nirgends ein so spezielles Ambiente.
Auch die Basler Hotellerie zeigt sich betroffen. Franz-Xaver Leonhardt, Präsident von Hotelleriesuisse Region Basel, bezeichnete die Confiserie Schiesser als «Institution». Ihr mögliches Verschwinden wäre «ein grosser Verlust für Basel». Und: «Ich hoffe, dass es bei einer temporären Schliessung bleibt. Ich hoffe, dass ein Retterteam einspringt.»
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Was jetzt passiert
Mit der Eröffnung des vorläufigen Konkurses hat das Konkursamt Basel-Stadt die Kontrolle über das gesamte Vermögen der Confiserie Schiesser AG übernommen. Das Verfahren läuft noch – die genaue Verfahrensart steht laut Kantonsblatt noch nicht fest.
Was bedeutet das konkret? Das Konkursamt prüft, ob eine Sanierung möglich ist oder ob das Unternehmen liquidiert wird. In dieser Phase kann theoretisch noch ein Investor einspringen und das Traditionshaus retten.
Für Gläubiger gilt: Offene Rechnungen dürfen nicht mehr direkt an die Confiserie Schiesser AG bezahlt werden – sonst droht das Risiko, doppelt zahlen zu müssen. Zahlungen gehen ans Konkursamt.
Das Schweizer Bäckereisterben
Die Confiserie Schiesser ist kein Einzelfall. Woche für Woche schliesst in der Schweiz eine Bäckerei oder Confiserie ihre Türen für immer. Erst vor wenigen Tagen gab auch die Bäckerei-Konditorei Gasser in Suhr AG auf – nur drei Jahre, nachdem der neue Inhaber übernommen hatte.
Die Gründe sind immer dieselben: steigende Kosten für Rohstoffe und Energie, sinkende Frequenzen, Fachkräftemangel und der schonungslose Preiskampf mit der Grossindustrie. Ein frisch gebackenes Croissant beim Handwerksbetrieb kostet mehr als das abgepackte im Supermarkt. Viele Kunden wählen den Preis.
Was verloren geht, ist mehr als ein Laden: Es ist Handwerk, Geschichte, Identität.
Fazit: Ein Abschied, den Basel nicht wollte
Das Schiesser war kein Café. Es war ein Versprechen: dass es in Basel noch Dinge gibt, die nicht dem schnellen Wandel weichen. Einen Ort, an dem der Kaffee genauso schmeckte wie vor 50 Jahren. An dem die Törtchen noch von Hand gemacht wurden. An dem man nicht sass, um zu arbeiten, sondern um zu sein.
Ob ein Investor einspringt, weiss niemand. Ob das Haus gerettet werden kann, ist offen. Was sicher ist: So wie es war, wird es das Schiesser nicht mehr geben. Die Familie Schiesser hat ihren letzten Vertreter verloren. Die Stadt hat ein Stück Seele verloren.
Seit 1870. Bis 2026. Danke, Schiesser.






