Polnische Lokführer haben mit einer ungewöhnlichen Protestaktion landesweit für Verspätungen im Bahnverkehr gesorgt. Nach einem tödlichen Unfall an einem unbeschrankten Bahnübergang fuhren sie am Freitag bis zum Mittag mit maximal 20 Kilometern pro Stunde über Bahnübergänge. Rund 90 Prozent der Fernzüge waren am Vormittag verspätet.
Die Aktion begann um Mitternacht und sollte bis 12.00 Uhr dauern. Die Lokführergewerkschaft hatte ihre Mitglieder dazu aufgerufen, jeden Bahnübergang unabhängig von der dort erlaubten Geschwindigkeit besonders langsam zu passieren.
Die polnische Bahn PKP teilte am Freitagvormittag mit, dass rund 90 Prozent der Fernzüge verspätet seien. Die durchschnittliche Verspätung habe bei etwa 30 Minuten gelegen. Auch nach dem Ende der Aktion um 12.00 Uhr waren vielerorts noch Auswirkungen auf den Fahrplan zu spüren.
Protest nach tödlichem Unfall
Laut GMX war Auslöser der Protestaktion ein schwerer Unfall vom Mittwoch. Ein Intercity-Zug war an einem unbeschrankten Bahnübergang mit einem Betonmischer kollidiert. Eine Frau kam dabei ums Leben, zehn weitere Menschen wurden verletzt.
In Polen gibt es auch auf wichtigen Bahnstrecken zahlreiche unbeschrankte Bahnübergänge. Dort werden Verkehrsteilnehmer teilweise lediglich durch ein Andreaskreuz und ein Blinklicht vor herannahenden Zügen gewarnt.
Die Lokführergewerkschaft verweist auf die Sicherheitsprobleme an diesen Übergängen. Nach ihren Angaben kam es allein im vergangenen Jahr zu knapp 180 Unfällen an Bahnübergängen.
Gewerkschaft spricht von Erfolg
Gewerkschaftschef Leszek Mietek bewertete die halbtägige Aktion als Erfolg. Nach zahlreichen erfolglosen Bemühungen habe man die Aufmerksamkeit der Politik auf die Gefahren an Bahnübergängen lenken können.
Am 2. Oktober soll sich die Gewerkschaft nach eigenen Angaben mit dem Infrastrukturministerium in einem Arbeitskreis treffen. Dort sollen mögliche Lösungen für die Sicherheitsprobleme erarbeitet werden.
Mietek bezeichnete die Aktion als «Akt der Verzweiflung». Es sei bedauerlich, dass erst ein Mensch sterben und weitere Personen verletzt werden mussten, damit das Problem stärker wahrgenommen werde.
Bahn prüft rechtliche Schritte
Die polnische Bahn kündigte an, rechtliche Schritte gegen Organisationen und Personen zu prüfen, die für eine mögliche Beeinträchtigung des Bahnverkehrs verantwortlich sein könnten.
Die Gewerkschaft betont dagegen, dass es sich bei der Aktion nicht um einen Streik gehandelt habe. Mietek verwies auf das polnische Arbeitsrecht, wonach Arbeitnehmer eine Tätigkeit verweigern können, wenn diese ihre Gesundheit gefährdet.
Auch der Lokführer des verunglückten Intercity-Zugs befindet sich weiterhin im Krankenhaus. Nach Angaben der Gewerkschaft erlitt er unter anderem Wirbelsäulenbrüche und weitere schwere Verletzungen.
Mit der Protestaktion wollten die Lokführer vor allem auf die Sicherheitslage an den Bahnübergängen aufmerksam machen. Gleichzeitig führte die bewusst reduzierte Geschwindigkeit dazu, dass der Bahnverkehr in Polen am Freitag zeitweise deutlich beeinträchtigt wurde.






