Das bayerische Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace hat mit seiner Spectrum-Rakete beim zweiten Testflug einen wichtigen Erfolg erzielt. Die Rakete startete vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya und erreichte nach Angaben der Live-Übertragung die Karman-Linie in rund 100 Kilometern Höhe. Damit gelang dem 2018 gegründeten Unternehmen ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem ersten Testflug im März 2025.
Die Spectrum-Rakete hob um 22.12 Uhr vom Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen ab. Rund zehn Minuten nach dem Start brach die Videoübertragung ab, nachdem die Rakete die maximale Reichweite der Verbindung zum Boden überschritten hatte.
Während der Übertragung waren wichtige Phasen des Fluges zu sehen. Dazu gehörte unter anderem die Trennung der ersten Raketenstufe. Nach Angaben der Moderatoren erreichte die Spectrum knapp vier Minuten nach dem Start eine Höhe von rund 100 Kilometern und damit die sogenannte Karman-Linie, die häufig als Grenze zum Weltraum verwendet wird.
Als Nutzlast waren fünf wissenschaftliche Satelliten verschiedener Universitäten sowie ein wissenschaftliches Experiment an Bord. Ob die Satelliten tatsächlich erfolgreich in eine Umlaufbahn gebracht werden konnten, war unmittelbar nach dem Ende der Übertragung noch nicht bekannt.
Zweiter Testflug nach mehreren Verzögerungen
Für Isar Aerospace ist der erfolgreiche Start besonders wichtig, weil der zweite Testflug mehrfach verschoben worden war. Ursprünglich sollte die Spectrum bereits im Januar starten. Ein defektes Ventil führte jedoch zur ersten Verschiebung.
Beim nächsten Versuch im März musste der Start abgebrochen werden, weil ein norwegischer Fischer mit seinem Boot die Sicherheitszone vor dem Weltraumbahnhof nicht rechtzeitig verlassen hatte. Im April wurden die Vorbereitungen wegen eines undichten Druckbehälters gestoppt. Im Juni kam es erneut zu technischen Problemen.
Der erste Spectrum-Testflug im März 2025 hatte nur rund 30 Sekunden gedauert, bevor die Rakete abstürzte. Der nun deutlich längere Flug stellt deshalb einen wichtigen Fortschritt für das Unternehmen dar.
Isar Aerospace will noch in diesem Jahr weitere Starts durchführen. Der Bau der dritten Spectrum-Rakete ist nach Unternehmensangaben bereits weit fortgeschritten.
Europa will unabhängiger vom US-Raumfahrtmarkt werden
Die Spectrum soll nach Abschluss der Entwicklung vor allem zivile und militärische Satelliten in niedrige Erdumlaufbahnen transportieren. Isar Aerospace plant langfristig eine Produktion von bis zu 40 Raketen pro Jahr.
Für Europa ist der Erfolg des Unternehmens auch aus strategischer Sicht bedeutend. Die europäische Raumfahrt ist bei Starts weiterhin stark auf Anbieter aus den USA angewiesen. Insbesondere SpaceX transportiert einen grossen Teil der europäischen Satelliten ins All.
Laut GMX ist die europäische Abhängigkeit von ausländischen Startanbietern auch deshalb problematisch, weil bei US-Starts technische Informationen zu europäischen Satelliten offengelegt werden müssen. Nach Angaben von Isar Aerospace wurden im vergangenen Jahr in den USA 198 Raketen gestartet, während Europa lediglich auf acht Starts kam.
Isar Aerospace mit Sitz in Ottobrunn bei München beschäftigt inzwischen mehr als 400 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben mehr als eine halbe Milliarde Euro an Investorengeldern eingeworben.
Militärische Nachfrage wächst
Die Bedeutung von Isar Aerospace beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf wissenschaftliche und kommerzielle Satelliten. Nach Angaben von Vorstandschef Daniel Metzler kamen im Frühjahr rund 60 Prozent der Anfragen aus dem militärischen Bereich.
Nach Unternehmensangaben verfügt Isar Aerospace bereits über Aufträge im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar bis 2028. Dies unterstreicht das Interesse europäischer Staaten und anderer Kunden an unabhängigen Startmöglichkeiten.
Auch die Europäische Weltraumorganisation ESA setzt auf den Aufbau eigener europäischer Trägerkapazitäten. Isar Aerospace unterzeichnete zuletzt einen Vertrag über 200 Millionen Euro im Rahmen eines ESA-Programms zur Beschleunigung der Entwicklung europäischer Trägerraketen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte den Standort Andøya am 13. März gemeinsam mit dem norwegischen Regierungschef Jonas Gahr Støre besucht. Der Besuch unterstrich die politische Bedeutung der europäischen Raumfahrtstrategie.
Ariane 6 übernimmt grössere Nutzlasten
Die Spectrum ist für Satelliten in niedrigen Erdumlaufbahnen vorgesehen und kann nicht die gleichen Nutzlasten transportieren wie die grosse europäische Ariane 6. An dieser arbeitet die französisch-deutsche ArianeGroup.
Für dieses Jahr sind insgesamt sieben bis acht Starts der Ariane 6 geplant. Nach Zählung des Fachportals «European Spaceflight» gab es bislang vier Ariane-6-Starts in diesem Jahr.
Die Ariane 6 kann deutlich schwerere Nutzlasten transportieren und auch geostationäre Umlaufbahnen in rund 36’000 Kilometern Höhe erreichen. Spectrum und Ariane 6 sollen damit unterschiedliche Aufgaben innerhalb der europäischen Raumfahrt übernehmen.
Der erfolgreiche zweite Testflug von Isar Aerospace zeigt zugleich, dass neben dem etablierten Ariane-Programm eine neue Generation europäischer Raketenanbieter entsteht. Für Europa könnte dies langfristig mehr Auswahl und eine grössere Unabhängigkeit beim Zugang zum Weltraum bedeuten.






