Ein Treffen mit einem Informanten in Jekaterinburg wird für den US-Journalisten Evan Gershkovich zur Falle. Nach 491 Tagen Haft schildert er in einem neuen Buch die Gefangenschaft und seine Erfahrungen in Russland.
Der Zugriff der Geheimagenten in Jekaterinburg im März 2023 wird für den US-Reporter Evan Gershkovich zum Horrortrip in Russlands Gefängnissystem. Er trifft sich mit einem Informanten aus einer Panzerfabrik. Als Korrespondent des «Wall Street Journal» hofft er auf eine grosse Geschichte über Russlands Rüstungsindustrie im Krieg gegen die Ukraine. Doch das wie eine Geheimoperation eingefädelte Treffen entpuppt sich als Falle.
Maskierte Agenten nehmen den Journalisten fest, ziehen ihm einen Sack über den Kopf und schlagen ihn. In Handschellen, die seine Handgelenke wund scheuern, wird er nach Moskau gebracht. Seine vorläufige Endstation ist das berüchtigte Untersuchungsgefängnis Lefortowo. Damit endet die Arbeit des Amerikaners, dessen Eltern aus der Sowjetunion stammen, als Russland-Korrespondent zunächst abrupt.
Es beginnt eine Gefangenschaft, die für viele westliche Journalisten, Unternehmer und Diplomaten zu einem gefürchteten Szenario geworden ist: die Anklage wegen Spionage und eine mögliche Verwendung als Faustpfand bei einem Gefangenenaustausch. 491 Tage verbringt Gershkovich hinter Gittern.
Tauschmaterial für den Tiergarten-Mörder
Hinter Gershkovichs Inhaftierung steht auch das Interesse Moskaus an Wadim Krassikow, der in Deutschland wegen des sogenannten Tiergarten-Mordes verurteilt worden war. Der russische Staatsbürger wurde mit russischen Geheimdienststrukturen in Verbindung gebracht und sass in Deutschland in Haft.
Gershkovich beschreibt in seinem Buch, wie sich seine eigene Situation zunehmend mit der Frage eines möglichen Gefangenenaustauschs verbindet. In Russland ist der Inlandsgeheimdienst FSB bekannt für harte Vorgehensweisen gegen Ausländer. Nach der Festnahme mehrerer US-Bürger hatten auch die Vereinigten Staaten vor den Risiken für ihre Staatsangehörigen gewarnt.
Die Verhaftung des Journalisten sorgt gleichzeitig international für Aufsehen. Gershkovich war zum Zeitpunkt seiner Festnahme als Journalist akkreditiert und hatte offiziell in Russland gearbeitet.
Gershkovich: «Ich brauche das Abenteuer»
Gershkovich beschreibt sich selbst als jemanden, der Risiken nicht grundsätzlich aus dem Weg ging. «Ich bin ein Adrenalin-Junkie und brauche das Abenteuer», schreibt er. Das Gefühl, verfolgt zu werden, habe für ihn sogar etwas Elektrisierendes gehabt.
Ratschläge von Bekannten, angesichts des Krieges gegen die Ukraine und der verschärften Zensurgesetze vorsichtiger zu sein, schlug er teilweise aus. Während andere westliche Korrespondenten Russland verliessen oder ihre Büros schlossen, arbeitete Gershkovich weiter und recherchierte auch zu sensiblen Themen.
Laut GMX schildert Gershkovich in seinem Buch ausführlich, wie die russischen Behörden seine journalistische Arbeit als Spionage darstellten. Das Urteil gegen ihn lautete schliesslich auf 16 Jahre Haft.
Der Fall löste international Besorgnis aus und verstärkte unter ausländischen Korrespondenten in Moskau die Angst vor möglichen weiteren Festnahmen. Besonders sensibel wurde die Berichterstattung über russische Rüstungsbetriebe und militärische Einrichtungen.
Gefahr der Berichterstattung über Militärthemen
Während Gershkovich in Haft sitzt, werden ausländische Korrespondenten auf die Risiken ihrer Arbeit hingewiesen. Auch russische Behörden machen deutlich, dass Besuche in der Nähe von Rüstungsbetrieben oder militärischen Anlagen problematisch werden können.
In seinem fast 500-seitigen Buch weist Gershkovich entschieden zurück, jemals im Auftrag der US-Regierung geheime Informationen gesammelt zu haben. Stattdessen beschreibt er die Bedingungen, unter denen ausländische Journalisten in Russland arbeiten mussten.
Immer wieder beschäftigt ihn in der Haft die Frage, wie es zu seiner Festnahme kommen konnte. Gleichzeitig beschreibt er seine ambivalente Beziehung zu Russland. Das Land habe er trotz seiner Erfahrungen lieben gelernt, während er zugleich dessen zunehmende autoritäre Entwicklung beobachtete.
Schaurige Einblicke in den Gefängnisalltag
Gershkovich versucht, seine Zeit hinter Gittern nicht einfach passiv hinzunehmen. Als Journalist beobachtet und dokumentiert er seinen Alltag. Dadurch entsteht ein detailliertes Bild des Gefängnissystems und der Menschen, denen er während seiner Haft begegnet.
Nach seiner Verlegung aus Moskau in ein Gefängnis in Jekaterinburg lernt er auch Gefangene kennen, die zwischen Haft und Kriegseinsatz pendeln. Verurteilte Straftäter konnten sich für einen Einsatz an der Front melden und damit ihre Haftzeit verkürzen oder einer längeren Gefängnisstrafe entgehen.
Gershkovich beschreibt die Schicksale dieser Menschen mit grosser Aufmerksamkeit. Trotz seiner eigenen Situation versucht er, die Rolle des Beobachters beizubehalten. Zugleich macht er deutlich, dass er als möglicher Bestandteil eines Gefangenenaustauschs teilweise besser behandelt wurde als viele andere Häftlinge.
Gefangenenaustausch bringt die Freiheit
Für Gershkovich endet die Gefangenschaft im August 2024. Im Rahmen eines grossen Gefangenenaustauschs zwischen Russland und westlichen Staaten kommt er gemeinsam mit weiteren politischen Gefangenen frei. Zu den freigelassenen Personen gehören auch mehrere Deutsche.
Auf der anderen Seite befindet sich unter den nach Russland zurückgekehrten Gefangenen Wadim Krassikow. Damit wird auch jener Mann freigelassen, dessen Rückkehr nach Russland im Zusammenhang mit dem Austausch eine zentrale Rolle gespielt hatte.
Die Erfahrungen der 491 Tage hinter Gittern beschäftigen Gershkovich auch nach seiner Freilassung. Besonders die Tatsache, dass seine Freiheit Teil eines Austauschs war, lässt ihn nicht los. Er sucht deshalb auch professionelle Unterstützung.
Bei seiner Rückkehr wird Gershkovich unter anderem von US-Präsident Joe Biden empfangen. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz spielte bei den Verhandlungen über den Austausch eine Rolle. Gershkovich würdigt in seinem Buch die Beteiligten und erinnert zugleich an jene politischen Gefangenen und Kriegsgegner, die weiterhin in russischen Gefängnissen sitzen.






